Kadetten – Idioten

Kadetten – Idioten

Leider finde ich grad niemanden, der mir eine drängende Frage beantworten könnte. Das kam so: Ich hatte mich an einen Geschichtslehrer erinnert, der in einem Auf und Ab von Gefühlswallungen und Bluthochdruckphasen Wutanfälle inszenierte, deren feuchte Gratisbeigaben die Schüler in der ersten Reihe einnebelte und intoxinierte, was mir keinen Deut des Mitleids abrang, denn vorne saßen die Klassenstreber und ›Herr-Lehrer-ich-weiß-was-Vordrängler‹, denen ich die Gischt aus Pädagogenschlund durchaus nicht neidete, jedenfalls, der Herr Geschichtslehrer krönte seine Wutanfälle mit herausgebellten Wiederholungen von »Kadetten! Idioten! Kadettenidioten!«

Eine andere lehrbefähigte Person, unser Klassenlehrer, versprühte in seinen hitzigen Wutexplosionen das gleiche Quantum an Feuchte, Gift und Galle, so dass einmal sogar die Schulsekretärin verschreckt hereinschaute, welche sonst nur zu Klassenarbeiten gerufen wurde, um die Spickzettel der Schülerinnen aus den Nylonstrümpfen abzuräumen.

Meine Frage lautet: Gib es heute noch Lehrer, die ausflippen, herumbrüllen, mit Heften um sich schmeißen und von der Schulsekretärin betütert werden müssen? Falls die Antwort darauf ein empörtes »Wo denkst du hin! Die Folter ist längst abgeschafft« ist, tut es mir für die Schüler fast schon leid. Ein Erlebnis wie das folgende muss ihnen wie ein Mythos aus sagenumrankter Zeit vorkommen. Unser Deutschlehrer hatte den »Erlkönig« aufgeschlagen und begonnen, sich mit Inbrunst in den »Vater mit seinem Kind« hineinzudeklamieren, als draußen ein vielstimmiges Getöse anschwoll und die Ballade rabiat übertönte, praktisch Goethe-GAU. »Mich juckt’s in meinen Wanderschuhen« kam es kreischend vom Flure her, der Schulchor schmetterte es gar sehr, und das war zu viel: Wutspeichelnd sprang unser Goethe-Rezitator auf, stürmte durch den Klassenraum, warf Stühle um, knallte mit der Tür und rempelte sich brüllend durch den Schulchor, dem Musiklehrer zu Ehr und Angedenken für alle Zeit, Amen.

Solch ein Wutanfall konnte die dickste Lust wie eine erfrischende Brause klären und versah die Streberbank zusätzlich mit feuchter Zuwendung. Geht heut wohl nicht mehr, die Frage hat sich erledigt.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 22.05.2021, letzte Seite)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s