Null Energie

Null Energie

›Mal angenommen‹, so heißt eine Podcast-Serie der ARD, bei der jeweils ein extremes Gedankenexperiment durchgespielt wird. Beispiel: ›Mal angenommen: keine Schulnoten mehr – was dann?‹

An diese Serie dachte ich, als ich einen Bericht über ein Nullenergiehaus las. Was wäre, wenn wir ausschließlich Nullenergiehäuser hätten? Dann ginge die Kunst des Fensteröffnens verloren, und unsere Kinder könnten nur noch im Heimatmuseum Fensterrahmen bestaunen, an denen sogenannte Klinken befestigt sind, seltsame Gerätschaften, die Angst einflößen. Ja was! In einem Nullenergiehaus können die Fenster nicht geöffnet werden, weil der Innenraum perfekt gelüftet und temperiert ist.

Umgeschrieben werden müsste auch das Märchen von Frau Holle. Da steht sie vor dem Isolierfenster, schüttelt und rüttelt die Federn aus, aber der Schnee fällt auf ihre Pantoffeln, während draußen die Klimakatastrophe mit glühender Zunge an der Scheibe leckt. Dürfen wir den Kindern einen solchen Horror zumuten?

Gänzlich vorbei wäre es mit der Kultur des Fensterlns, denn der liebestrunkene Bayernbub auf seiner Leiter glotzt mental verwildert durch die fest verbaute Scheibe, drückt sich die Nase daran platt, ein Anblick, bei dem sich das liebliche Madl im Schlafstüberl entsetzlich verschlucken möcht und, statt dem Fensterphantom eine Kusshand zuzuwerfen, sich dem Bärwurz entsagend ergibt.

Auch stell ich mir eine Geschichtsrevision vor: Hätten die Menschen schon je Passivhäuser gebaut, wo bliebe der Prager Fenstersturz? Eben, auf dem Müllhaufen der Geschichte und der darob ausbrechende Dreißigjährige Krieg gleich mit. Na gut: kein Krieg – Vorteil Passivhaus.

Zurück zur Gegenwart. Wie bittschön soll der Konzertpianist seinen Steinway-Flügel in den 2. Stock seines neuen Passivhauses hieven, wenn nicht mit einem Kran durch offene Fensterflügel? Da starrt der Virtuose finster auf die Dreifachverglasung des wohltemperierten Musikzimmers und wird wohl oder übel vom Klavier zur Ukulele wechseln.

Passivhäuser sind schlicht verbesserungswürdig. Es fehlen Fenster mit Klinken, ausladende Flügeltüren sowie Kaminöfen, die sogar den Keller mitheizen (und den Garten).

Euer Heinzi

(Friesländer Bote 24.07.2021, letzte Seite)

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