Neue Wörter

Neue Wörter

Langsam bin ich’s leid mit diesen neuen Wörtern und Begriffen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht über einen Ausdruck stolpere, der mir erst mal nix sagt, anscheinend aber superwichtig ist fürs Verstehen der Gegenwart und ihres aus allen Poren schwitzenden Insiderwissens. Was genau ist ein ›Barcamp‹? Eine Zeltstadt, an deren Bar Tequila Sunrise geschlürft wird? Wenn ich rundum nachfrage, schauen mich die Leute an, als wäre ich aus dieser Steinzeithöhle entsprungen, an deren Wände Wisente oder blähende Büffel eingeritzt sind. Wie verwende ich ein ›Asset‹? Geht das in eine Hosentasche rein? Ist ein ›Handout‹ essbar, oder muss man das vorher kochen? Auch zu einem ›Momentum‹ fällt mir im Moment nix ein. Ein ›Retreat‹ ist vermutlich ein Tritt in den Hintern, und ›volatil‹ beschreibt eine lebhafte Darmtätigkeit. Oder doch Schaum erzeugendes Hirnsausen? Hüpft ein ›Content Manager‹ von Ast zu Ast und pfeift den Radetzky-Marsch? Bei ›Repowering‹ fällt mir der Spruch ›Power to the Bauer‹ ein, Hauptsache, es reimt sich. Wie steht es mit Bachelor of Arts? Irgendwas mit Kunst oder Museen oder Musik, folgern treuherzig Dinosaurier der Textauslegung und versagen jämmerlich. Wegen der Dauernutzung von Wikipedia habe ich einen zweiten Monitor angeschafft, aber davon wird die Pizza auch nicht wieder warm.

Als Alternative zur Hatz auf die Modewörter tippe ich mal einen abgehangenen Begriff ein: Parkinson-Gesetz. Hat offenbar mit der Zeit zu tun, die wir einer Arbeit zugestehen. Von da aus weiter zu Prokrastination und, just angeklickt, geht’s hinüber zum Critical-Chain-Projektmanagement. So genau wollte ich es doch nicht wissen. Also zurück und abgezweigt bei Pomodoro-Technik. Bei Pomodoro sehe ich saftige Tomaten vor mir, Spagetti Bolognese, lecker, lecker, aber leider voll daneben. Die pomodorische Technik beschreibt, wie man seinen Arbeitsablauf effizienter gestaltet, und das liegt an den Pausen und nicht am Malochen. Also: Timer stellen, nach 25 Minuten bimmelt es, jetzt 5 Minuten Ruhezeit, dann wieder die Arbeit aufnehmen, holla, das kommt mir gut zupass, alles weitere muss ich jetzt leider verschieben, die 25 Minuten sind rum, und erzähl mir keiner was von Prokrastination!

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 23.10.2021, letzte Seite)

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