Die Grabsteinfrage

Die Grabsteinfrage

Die Hitze war schuld, da bin ich mir ganz sicher. Sie lässt das Hirn schmelzen, und unten tröpfelt eine kranke Idee raus. Die Idee präsentierte sich mir als Frage, und sobald du die Frage kennst, weißt du, warum ich Onkel Paul das Vergnügen meines Besuchs nicht vorenthalten konnte. Tante Margret schon gar nicht. Na, ich hievte meinen Korpus in die Ausgehposition und schwitzte mich zur Tür hinaus. Draußen lief mir Marie-Curie über den Weg, die freche Nachbarstochter. Sie hatte einen Sombrero auf. »Boah«, sagte ich, »das Ding auf deinem Kopf, kann das fliegen?«

»Gegen-Boah«, erwiderte sie, »das Ding auf deinem Hals, kann das denken?« Ich ignorierte ihre Avancen. »Hör mal, mir geht da eine Frage durch den Kopf – « »Ich ahne es«, unterbrach sie mich, »irgend so ein sexuelles Gekrampfe, verkleidet als wissenschaftliche Neugier, kannst du alles auf youtube gucken.« »Ha, ganz falscher Rückschluss. Also: Was soll auf deinem Grabstein stehen, wenn du mal gestorben bist, ein Zitat aus der Bibel vielleicht?«

Marie zog den Sombrero tiefer in die Stirn. »Erstens sterbe ich nicht, auch wenn der hochbetagte Belästiger aus dieser Straße es sich ausmalt, und zweitens würde auf dem Grabstein stehen: Todesursache: Heinzi.«

In diesem Augenblick kamen die Brammers auf ihren E-Bikes vorbei. »Hallo«, rief ich ihnen zu, »was soll auf eurem Grabstein stehen?« Später hörte ich, dank ihrer Fahrradhelme wären die beiden glimpflich davongekommen, wovon ich aber nichts mitgekriegt habe, denn ich wurde plötzlich geblendet, nicht von der Sonne gleißender Strahlung, sondern von der gleißenden Blendwirkung der fraulichen Frauke von gegenüber, quasi Blendgranate, in ihrem fleischfarbenen Bikini, der des Kaisers neue Kleider wie Pelzmantel hinter Doppelverglasung aussehen ließ. »Auf deinem Grabstein«, sagte ich glasigen Blickes, »da muss doch was drauf, ein Sinnspruch, über Schönheit oder Lebensfreude, oder über Doppelverglasung.«

»Oha«, sagte sie, »mein Beileid. Gegen so einen Sonnenstich soll eine Zwiebel helfen, erst einreiben, dann kräftig durchkauen.« Man hat mir vorgeworfen, ich würde Frauke auf ihr Aussehen reduzieren. Ja gut, aber was ist daran so abwertend?

Auf der Fahrt zu Onkel Paul habe ich meine Frage vergessen. Die Hitze war schuld, da bin ich mir ganz sicher.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 03.09.2022, letzte Seite)

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