Indianer lernen lesen

Indianer lernen lesen

Als Beifang der Winnetou-Diskussion und der Erregung öffentlicher Sprachblockwarte habe ich von einem abgedrehten Kinderlied erfahren, das ich noch nicht kannte und meine kalten Knochen wärmend umspülte. Zur Melodie von John Brown’s Body heißt es: »Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen«. Der Zusammenhang zwischen Kinder, Indianer, Chinesen und Lesenlernen scheint mit der Zange gekniffen zu sein – krummbeiniger Blödsinn könnte man sagen oder auf altkindisch ›Quatsch mit Soße‹, wobei ich nicht sagen will, dass Lesenlernen blödsinnig ist. Das Wort ›Chinesen‹ wurde offenkundig nur ausgewählt, weil es sich auf ›lesen‹ reimt (der Reim vermittelt hier einen Sinn exponierter Unordnung), und die Indianer können getrost durch Italiener, Luxemburger, Portugiesen oder Ammerländer ersetzt werden, ohne die spielerische Willkür zu gefährden. Hauptsache, das Versmaß flutscht. Nonsens, auch wenn er hier nur als Nebeneffekt auftritt, hat eben seine eigenen Regeln, und Kinder fahren begeistert auf derlei Verse und Abzählreime ab. Ich erwähne da nur ›Drei Chinesen mit dem Kontrabass‹, denn wer den Stuss einmal durchdekliniert hat (Dro Chonoson mot dom Kontroboss usw.) weiß, welcher Spaß den Wortspielereien innewohnt.

Tja. Jetzt aber. Jetzt komme ich zu dem Knüppel, der über allem schwobte, ich meine schwebte. Die ›Verantwortlichen‹ haben nämlich im vorauseilendem Kotau (auf Straßendeutsch: die culture war am canceln) das Kinderlied fehlerbereinigt in die Sprachplörre »Alle Kinder lernen lesen, das ist immer so gewesen«, und damit sind Bildkraft und Spaß im Eimer. Dass das Lesenlernen von Indianern und Chinesen ein Diskriminierungsmerkmal sein soll, geht auf die Rechnung ›Wirrsinn höherer Gestaltungskraft‹.

Ich bin gespannt, ob auch die ›Drei Chinesen‹ auf die Liste kommen. Man könnte sie durch Franzosen ersetzen und den Kontrabass durch Tintenfass, bloß, jetzt ist der Franzos’ beleidigt. Politisch korrekt wäre ›Drei Personen mit dem Musikinstrument‹. Wer da vor Langeweile nicht ins Koma fällt, hat einen Hörfehler oder den Staubsauger auf volle Lautstärke gestellt.

Damit den Sprachpolizisten nicht der Magen knurrt, werfe ich ihnen noch einen fetten Happen, der alte Frauen diskriminiert, auf den Teller: Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 10.09.2022, letzte Seite)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s