Vorratshaltung

Vorratshaltung

Der Gedanke an Putin und seine kriegslüsternen Ziele lässt uns German-Angst-Deutsche zittern. Den Totalblackout vor Augen schrecken wir vor den befürchteten Verwüstungen: Fernsehausfall den ganzen Tag, leere Akkus in den Smartphones und – Worst Case bei Kuscheltherapeutin Susanne – die Grabesstille im Telefonhörer, da hilft auch kein Schütteln, Klopfen und Auf-den Boden-schmeißen des Hörers. Der Quassel- resp. Kommunikationsträger stellt sich taub, aller Lebenssinn entfleucht, man möcht sich die Kugel geben. Über allem schallt der Ruf nach Vorratshaltung, nach dem Bunkern von Nudeln, Mehl, Trockenmilch, Trockentomaten, Trockenfleisch, Trockenrasierer, reinweg alles, was trockenhart und lederzäh Jahrtausende überdauert. »Wir müssen dringend unseren Vorrat im Keller aufstocken«, hatte auch Tante Margret angemahnt, »die paar Dosenwürstchen reichen maximal für drei Tage.« Onkel Paul hatte abgewinkt. »Schon geschehen«, hatte er geantwortet und beigefügt, dass der Iwan jetzt ruhig kommen und die Infrastruktur zerbomben könne. Mit »der Iwan« meinte er »der Russe«, so redete man früher.

Margret traute dem Frieden nicht. Nach einer Inspektion des Paulschen Notfallsortiments brach der Krieg aus, nicht auf dem Schlachtfeld der Ehre, sondern auf dem der Ehe. In den Kellerregalen hatte Margret zwei Dutzend Kornflaschen entdeckt, dazu 10 Flaschen Whisky und sechs Kisten Maibock. Das Pulverfass zum Überlaufen brachte Pauls Hinweis, dass in der Garage ja noch fünf Kubikmeter Klopapier lagerten, damit wären sie voll aus dem Schneider, zudem hätte er beim Resteverkauf eine Flasche Eierlikör ergattert, »für die Dame des Hauses«. Welche explodierte wie ein Geschoss der Panzerhaubitze 2000.

Kollege Klöpper dreht auch am Rad: Er hat die alte Kurbelkaffeemühle restauriert, sich ein Kurbelradio angeschafft plus einer Kurbeltaschenlampe, und nächtens werkelt er (bei Kurbeltaschenlampenlicht) an einem Stromgenerator für Küchenherd und Heizung, der mit einer Kurbel betrieben wird. Seine Frau Katja hat es getestet, den Koffer gepackt und bei der Flüchtlingsunterkunft angeklopft. Komisch, von Susanne höre ich nix. Ist ihr Telefon ins Badewasser gefallen? Oder ist schon Blackout?

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 10.12.2022, letzte Seite – und letzter Heinzi)

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