Wir schenken uns nix

Wir schenken uns nix

Wir schenken uns nichts zu Weihnachten. Das war immer so. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir uns diese Lüge nicht aufgetischt haben. Fast alle unsere Bekannten machen das. Der Begriff Fake News bekommt da eine ganz neue Farbe, eine familiäre Grundierung. Wochen vor dem Fest raschelt es in verborgenen Ecken, Geschenkpapier knistert, Verstecke werden ausbaldowert, die jeder in der Familie kennt, aber niemand verrät, um dem »Weihnachtsmann« nicht den Spaß am Versteckspiel zu verderben. Besonders den Männern sitzt der Wir-schenken-nichts-Druck im Nacken. Kurz vor Heilig Abend packt sie die Panik, urplötzlich müssen sie noch in die Stadt, Begründung: »Ich muss an der Tanke einen Gutschein für Oma Henriette kaufen«. Die andern grinsen verstohlen. Fährt Henriettes Rollstuhl jetzt mit Diesel?

Seit ein paar Jahren machen wir das anders, aber auch nicht anders, je nach Sichtweise. Monate vor dem Fest packen wir normale Einkäufe in Geschenkpapier und legen sie weg. Dann, zur Bescherung, gibt es kein Halten. Freude, Jubelwahn und Überraschungsgrimassen brechen sich Bahn: Hier, guck mal, ein Buch, und dort in dem großen Karton, was mag da wohl drin sein, ein Kaffeeautomat?

Du denkst bestimmt: Was für ein Quatsch, ihr wisst doch vorher, was drin ist. Tja, das ist ja gerade der Witz. In dem großen Karton findet sich nämlich nichts als zusammengeknülltes Packpapier. »Och«, sagt die Weibin, »welch schönes Packpapier. Damit komme ich 190 Jahre aus«. Ich helfe nach: »Guck mal genau hin«. Die Weibin guckt und findet. Eine Stricknadel. »Och«, sagt die Weibin, »welch schöne Stricknadel. Damit kann ich mir den Rücken kratzen.«

Okay, das war ein blödes Beispiel. Jetzt bin ich dran. Das Päckchen ist fest verschnürt. Der Knoten lässt sich partout nicht öffnen. »Hatten wir nicht ein Schere für mich eingepackt?« frage ich. Auch ein blödes Beispiel.

Manchmal vergessen wir, wo wir die Geschenke abgelegt haben. Jahre vergehen und siehe da, das Paket taucht wieder auf, Himmel, ist das eine Überraschung! Ungeduldig reißen wir das bunte Papier auf, ratschen mit dem Messer durch das Klebeband, und da kommt es ans Licht: Zwei Eintrittskarten für ein Konzert mit Udo Jürgens. Welch schöne Bescherung.

Moin
Heinzi

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