35. Die Predigt

35. Die Predigt

»Eier!« rief Pastor Eckerle. Sein Blick wanderte über die Köpfe der Kaltenhavener Kirchgänger, sprang über die Reihen, stieg hinten empor zum Rundfenster über der Eingangstür und blieb dort haften, während der ganzen Predigt, eine »entseelte Lichtbrechung im Auge des Taifuns«, wie Bürgermeister Christian Woltersleben in seiner gewohnt speziellen Bildsprache resümierte. Unter dem herausgeschleuderten »Eier« zuckten die Kirchgänger zusammen, und sie duckten sich, als wollten sie sich vor einem Wolkenbruch schützen, ein nicht abwegiger Gedanke. Einzig der dicke Lehmann blieb ungerührt. Er nestelte an seinem neuen Knüppel, zog ihn probeweise aus dem Schaft und ließ ihn schnalzend rotieren. Dabei streifte der Knüppel das Ohr seiner Nachbarin, Griseldis Koslowski. Sie stieß einen kehligen Laut aus, sackte zu Boden und tauchte ab in eine Dunkelheit, die sie hernach als »Wattebett der himmlischen Herrschaften« beschrieb. Eingehüllt in ihrem Wattebett verpasste sie als einzige Pastor Eckerles berühmte Osterpredigt und das daraus abgeleitete Osterritual.

An jedem Ostersonntag legte Eckerle diese seine Predigt neu auf mit dem damit verbundenen Knüppelschwingen des dicken Lehmann und der unweigerlich folgenden wattierten Ohnmacht von Frau Koslowski. Welche bis auf den heutigen Tag kein Wort der Predigt mitbekommen hat bis auf den Ruf »Eier«, aber daraus konnte sie sich nach der Messe keinen Reim machen. Und aus dem Wortgeklingel des Bürgermeisters Christian Woltersleben konnte sie sich auch keinen Schal stricken, von wegen »Auge des Taifuns« und »entseelte Lichtbrechung«. Da lag Frau Koslowski eh schon verquer unten im Gestühl und zählte Schäfchen.

»Eier!«, schrie Pastor Eckerle erneut, »wo der Herrgott in Liebe entbrennt zur Schöpfung seiner selbst und ebenda, winselt das Menschengewürm im Hühnerstall seiner Triebe.«

Eckerle langte in seine Soutane, die ihm sein katholischer Kollege ökumenisch ausgeliehen hatte, und zog ein Ei heraus, an dem noch eine schmutzige Feder klebte. Das Ei reihte sich ein in die unterschiedlichsten Utensilien, die Eckerle als Anschauungsmaterial beibrachte. Seit seiner Liaison mit Else-Marie, der geschassten Ehefrau des Heimatdichters Gregor Fuseler, verfolgte Eckerle die Idee, mit hand- und stichfesten Darbietungen und waghalsigen Experimenten seine Predigten zu illustrieren, um seine Gemeinde wachzurütteln, ihnen den rechten Glauben nicht nur mit Worten, sondern zusätzlich mit Taten in den Schlund zu stecken. Angefangen hatte es mit einem Autoreifen, den er auf die Kanzel gewuchtet hatte. Dazu zitierte er eine Parabel über den Lauf der Dinge und gab dann dem Reifen einen Schubs. Der rollte mit zunehmender Geschwindigkeit auf die erste Reihe zu, in der sich Familie Böttcher mit ihren sechs Kindern drängelte, und begrub die fünfjährige Svenja unter sich.

Ein anderes Mal versprühte Eckerle Tränengas in die Gemeinde, um die Vertreibung der Heuschrecken aus dem Paradies darzustellen, ein Historienbild, das vorher noch niemand gehört hatte. Und auch nie wieder hören wollte.

An einem Pfingstmontag wiederum sprang Eckerle im Kostüm einer Dragqueen durch die Bankreihen. Das gefiel dem dicken Lehmann überhaupt nicht. Er zog seinen Knüppel und ließ ihn auf die superblonde Marylin-Monroe-Perücke sausen. Da herrschte für zwei Wochen Ruhe in der Kirche.

»Eier!« Der Ruf schallte als Signal für Einkehr und bittere Reue durch den Kirchenraum. Und für die Liebe. »Denn alles begann mit der Liebe«, tönte Eckerle von der Kanzel, »auch die Liebe zu Else-Marie ward meiner ein Angesicht des Jenseitigen, ach, wäre die Liebe nicht, dann wäre auch das Ei ein Pharmakon, will sagen, ein Phantom ohne Wert und göttlichen Beistand, ein Ei ohne Frucht, praktisch ein Gegacker ins Nichts gehustet.«

Gleich kommt die schlüpfrige Stelle der Predigt, wussten die Altkaltenhavener und sie lauerten seit Beginn der Messe darauf. »Mit der Else habe ich die Liebe neu entdeckt, so wie die christliche Liebe aufs Immerneue zu entdecken ist. Zwischen den Laken kam es, und sie röchelte vor Freude am Gabentisch der Liebe, die ich ihr schenkte. Ein jeder möge sich ein Herz fassen und der Liebe die Hand reichen.«

Hierauf reichten die Kirchgänger einander die Hand und versprachen sich der Liebe, so wie es der Pastor angeordnet hatte. Auch Bürgermeister Christian Woltersleben, der rein zufällig neben seiner Ratskollegin Juliane Semmelweis Platz genommen hatte, reichte ihr die Hand und ließ seiner christlich anempfohlenen Liebe freien Lauf, zwar mit einiger Verzögerung, denn das Hotelbett musste noch gerichtet werden, aber die kirchlich abgesegneten Liebesbeweise machten dieses Manko wieder wett.

Pastor Eckerle hielt nun inne, hob die Hand und zerdrückte das Ei, wobei Eidotter auf sein Haupt kleckerte, ein Symbol, eine Metapher, wofür auch immer. Hernach begann er, über die Jugend und ihre Verlotterung zu wüten, aber die Saat seiner Liebesbotschaft war aufgegangen und verbreitete sich in der Kleinstadt. Nur Herr Koslowki blieb verärgert zurück. Ihm war es, wie jedes Jahr, nicht vergönnt, mit seiner Frau Griseldis die Kanzelworte in die Tat umzusetzen.

Nächstes Mal erzähle ich aus dem Leben von Opa Krakau.

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