Land contra Stadt – 4

Fortsetzung der Vergleichsstudie zwischen Land- und Stadtleben. Der Berliner dient wie gehabt als Prototyp des Großstädters.

Tiere  Die vielfältige Tierpopulation im friesischen Matschland gilt weltweit als einzigartig. Im Watt lauert der Wurm, und auf der Weide grübelt die Kuh. Als sei das nicht genug, huscht eine Rotte Stallfliegen auf den Rhabarberkuchen. Wird der Buchstabe M aufgerufen, zieht eine Karawane heimischer als auch heimeliger Wesen auf: Mäuse, Mücken, Motten, Marder, Morcheln, Möhren, Milben, Mohrenköpfe, Mollusken, Modder, Manteltaschen, Metallteile, Moorleichen, Mehrkornbrötchen, Minderjährige, Mühlsteine, Maul- und Klauenseuchen und wie die zierlichen Tierchen alle heißen. Ein Paradies göttlicher Vorsehung.

Wenn der Berliner Tiere sehen will, guckt er in seine Unterhose. Weil ihm nicht gefällt, was er da sieht, zieht er eine Meckerfresse. Dann guckt er in die Kloschüssel, weil er gehört hat, dass Ratten aus der Kanalisation hochkommen. Nix. Bei einem Blick nach draußen entdeckt er einen Hund. Sofort reißt der berlinische Wichtigtuer das Fenster auf und weist den Hundebesitzer gallig darauf hin, dass er sich gefälligst an die Maultierpflicht zu halten habe. Der Berliner verwechselt Maultier mit Maulkorb. Die einzigen Tiere, denen es in Berlin gefällt, sind ein paar Wildschweine. Die kommen wegen der stinkenden Abfälle überall. Das sagt alles.

Sprache  Nicht ohne Grund ist das Plattdeutsche als Kultursprache geschützt. Wer des Plattdeutschen mächtig ist, erobert im Sauseschritt die Kontinente dieser Erde, weil selbst die entferntesten Humanoiden vor Verzückung über die Harmonie der zusammengestellten Wörter in die Knie brechen.

Wie bescheiden sieht es da beim Berliner aus. Er bezeichnet seine mundartlichen Auswürfe prahlerisch als berlinerisches Zuckerhütchen und glaubt, dies habe etwas mit Sprache zu tun. Linguisten ordnen sein Gestänker als Seuche ein. Historiker vermuten, die aus seinem Schlund geschleuderten Laute hätten sich aus Erbrochenem entwickelt. Als Forscher einmal eine Berliner Familiengruft öffneten, pfiff ihnen eine Tirade fauliger Schimpfwörter entgegen, gespickt mit den Fäkalausdrücken „Icke“ und „wa“. Ein Vergleich zum hohen Standard des Plattdeutschen verbietet sich eigentlich.

Theater  Wegweisende, atemberaubende Dramen spielen sich auf der Niederdeutschen Bühne ab, und der Saal des Landgasthofes birst förmlich beim Schlussapplaus. Wir erleben Szenen zum Auf-die-Bäume-Klettern. Ein Ehemann in Frauenkleidern: köstlich. Tratsch im Treppenhaus: wie in der Wirklichkeit. Ein geheimnisvoller Besucher mit Cowboyhut entpuppt sich als reicher Onkel aus Amerika, den es wieder zur Scholle mit Kartoffelsalat treibt und nun das pralle Dienstmädchen Gertrud ins millionenschwere Auge gefasst hat: herzergreifend.

Was auf Berliner Bühnen passiert, will man gar nicht wissen. Dreck, Flüche, Fäkalien, nackte Schauspieler, die Tiere ficken, Affengehampel, unverständliches Geschrei, aber nicht eine einzige lustige Verwechslungskomödie, wo der Vater den Sohn seiner Stieftochter heiratet und den Bauernhof vor großstädtischen Miethaien rettet. Verständlich, dass der Berliner Theaterbesucher schon vor Ende des konfusen Dramas pfeift und buht und sein Geld zurückfordert. Wochen später ereilt ihn eine Postdramatische Belastungsstörung. Auf öffentlichen Plätzen ängstigt sich der Geschädigte vor anfickenden Schauspielern, vermeidet Zoobesuche, weil ihn das Geschehen mental wieder ins Schauspielhaus versetzt und hält die Straßencafés für Bühnenattrappen, hinter denen nackte Regisseure auf Beute lauern. Unser Beileid.

12 : 0 für das Matschland (mindestens).

 

 

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