2.1 Vier Minus -Deutsch

2.1 Vier Minus -Deutsch

 Es hätte prima laufen können nach meinem Abschied aus dem Brutkasten des Kobens, der hier von mir bedeutungslärmend als DAS ZIMMER gepriesen wurde. Koben deshalb, weil DAS ZIMMER über dem Schweinestall des Bauern Lüders lag und der Gestank der Schweine heraufzog wie … wie … sag schon, wie die Seele eines Heiligen in das Himmelreich, nicht ganz geglückt der Vergleich, aber du kannst dir immerhin eine Vorstellung machen.

So.

Diesen Umstand, Zimmer im oberen Stockwerk, Schweinestall darunter, hatte ich im vorigen Kapitel nicht erwähnt.

„Mann, komm zu Potte“, randalierte Klöpper, „der Leser wartet. Und zwar im Laufschritt. Wenn es nicht bald krawallt in deiner Lebensbeichte, dann ist Zappenduster mit der Aufmerksamkeit und der Geduld und dem Sich-Hinwenden. Dann Abkehr und Fernseh an, Netflix, du weißt schon, streaming und Mediathek und das alles.“

„Was ich weiß“, giftete ich zurück, „ist, dass meine Zeugnisse der Wahrheit verpflichtet sind in tadelloser Reihenfolge, gleich der Knopfleiste am Jacket der Kanzlerin.“

„Verpflichtet.“ Klöpper verdrehte die Augen, bis das Weiß (!) hervorblähte, ein Anblick wie Kaltschaum auf Kotze.

Auch hatte ich vergessen, dass die BEHÖRDE das Personal des Zimmers im Laufe der Wochen auf verschiedene Koben im Distrikt verteilte, mitunter auf elegante Zimmer mit Südblick, und du kannst dir denken, wer in den Genuss dieser Vorteilsnahme kam: keine andere als die Palastdame Elfriede, die Sau die, die Edelnutte, diese schmierige Wendehälsin, ein weiblicher Abort mit Hinterfotzeneingang.

Arschgeige die.

Gut.

Nach dem behördlich angeordneten Exodus meiner Rumpffamilie aus dem ZIMMER schüttelte ich mir die Flausen, sprich VW Käfer plus Garage, aus dem Fell und klopfte an die Tür mit der verheißungsvollen Aufschrift: Schulzeit. Diese lag vor mir wie die empfängnisbereite Gebärmutter einer üppigen Matrone, so stellte ich es mir vor. Bubenphantasie. Eine Zeit, in der aus der mütterlichen Plazenta (Bubenphantasie zum zweiten) meine noch schlummernden Talente sprießen würden zu Stolz und Ehre meiner Eltern, wiewohl der Vater meistens brünftig flötend unter den Fenstern derjenigen Koben herumschlich, die ihm satten Sexualgewinn versprachen.

Wenn denn die Schullehrer meine Talente aufgespürt und gefördert hätten.

Wenn.

Herr Deutschlehrer Windisch kommt mit halb offenem Hosenstall in die Klasse gestürmt. Sein glutäugiger Blick, den er Omar Sharif (Dr. Schiwago) abgeschwatzt haben muss, schweift abtastend über die Reihe der Mädchen, prüft Festigkeit der Busen und die erwartungfreudige Spreizung der Schenkel und beginnt seinen Wanderung durch die Auen der Poesie. Zwischen Fenster und Tür federt er galanten Schrittes hin und her und hin und her und hin und her (so lange ‚hin und her‘ einfügen, bis die Deutschstunde vorüber ist), ein Nomade im Treibsand literarischer Verwehungen, der von den Verführungen der Epen, Dramen und Sonette überwältigt, ja geradewegs vergewaltigt und gischtig besamt wurde.

Sozusagen.

Der Hemdzipfel, der aus seinem Hosenstall leuchtet, wandert mit von Eck zu Eck. Wir halten den Atem an. Unsere Blicke folgen dem Hemdzipfel. Wird Herr Windisch das Ungeschick bemerken? Wird er „Hoppla mein frecher Dachs“ rufen und den Ausdringling zurückschieben, die Hose zuknöpfen? Nichts von alledem. Tief eingetaucht in sein Thema referiert er, einer plötzlichen Eingebung folgend, über Benimmregeln bei Tisch, ein Sittengemälde. „Nie die Salzkartoffeln mit dem Messer zerschneiden, das ist Unterschicht. Einzig die Gabel dient dem Zerteilen der Kartoffel.“ Eva Koslowski aus der hintersten Bank seufzt und sinkt darnieder. Man wird ein Riechwässerchen vor ihre Nase halten müssen.

Doch bis dahin.

Herr Windisch wechselte das Thema. Oft. So auch jetzt, unvermittelt, der Koslowski ihrem Schicksal überlassend. Welches geistige Getränk sei am bekömmlichsten? Korn. Reiner Korn. Nicht Gesöff wie Tequila oder Apfelkorn oder Jägermeister oder Whisky/Cola, das schon gar nicht, denn als Folge würden beißende Teufelchen im Kopfe herumtrampeln, begleitet von glühenden Lavaströmen zwischen Hirn und Schädel, und ein Arbeitsausfall für drei Tage müsse eingerechnet werden.

Nein, das reine Destillat sei zu empfehlen.

Wir stießen uns an. Letzte Woche drei Tage Unterrichtsausfall, davor zwei Tage kein Deutsch, ein strammer Zug durch die Gemeinde, mein lieber Herr Gesangsverein. Zu seinem Geburtstag, den Windisch wohl nicht ohne Hintergedanken preisgab, schenkten wir ihm eine Flasche Ratzeputz. Vier Tage Unterrichtsausfall plus Verschiebung der Klassenarbeit lagen im Plan.

Sauber.

Herr Windisch ließ uns auch an seinen stadtbekannten amourösen Abenteuern teilhaben, verbal natürlich, floral umrankt mit erotischen Andeutungen und kenntnisreichen Dessousschilderungen, bei denen Eva Koslowski vor Scham oder Schauder erneut in Ohnmacht fiel. Die anderen Schülerinnen kicherten errötend. So mancher Rock rutschte übers Knie und gab den Spitzenbesatz der Petticoats frei. „Es blitzt“, so raunte es im Klassenraum (Literarisch: Ein Raunen ging durch die Stuhlreihen, erhob sich zum Sturm des Verlangens und des hormonellen Überschwangs).

Herr Windisch sah über die pubertäre Einladung zur Sittenstrolcherei hinweg. „Es ist vorgekommen“, zwinkerte er Eva Koslowski zu, die wieder erwacht war, „dass ich auf fremde Balkone klettern musste, um zum Ziel vorzustoßen, und das war, wie ihr euch denken könnt, immer ein Weib, ein hitziges.“

Wir hatten es vermutet.

Durch die nur angelehnte Balkontür konnte der Steiger ins Schlafzimmer eindringen, wo die hitzige Zielperson darauf wartete, von ihm bestiegen zu werden. „Keine Frage, dass ich es ihnen stets ordentlich besorgt habe.“ Eva Koslowski fiel in Ohnmacht. Wir lernten in Aufsatzkunde, dass man die Geliebte nächtens aufzusuchen habe, aber nur, wenn deren Ehemann auf Dienstreise sei. Bei Tage müsse man mit Zeugen rechnen und Raufereien mit dem Gehörnten.

Meine VIER MINUS in Deutsch war dem Umstand geschuldet, dass ich unserem Schulleiter einen Tipp über das balkoneske Treiben gab, welches die Wände seines Hauses während seiner Fortbildungsreisen erbeben ließ.

Ich mache Herrn Windisch keinen Vorwurf. Der Korn muss gepriesen und die Balkon- sowie Zielbesteigungen ausgeführt und nicht ohne literarische Ambitionen vor der Klasse vorgetragen werden. Meine Interessenschwerpunkte verlagerten sich allmählich auf die Begriffe „Korn“ und „Balkonbesteigung“. Später, in der Erstsemesterklausur im Fach Germanistik konnte ich damit nicht punkten. Den Abbruch dieses Studienganges habe ich Herrn Windisch zu verdanken, dem ich bis heute durch den Konsum von klarem Korn verbunden bin.

„Ich fasse es nicht.“ Klöpper tat erschüttert, Schnappatmung kurz vor der Tüte. „Das ist doch voll sexistisch. Porno im Klassenraum? Anmache im Unterricht? Nee. Glaub ich nicht. Jetzt übertreibst du.“

„Weil du es nicht erlebt hast“, belehrte ich ihn. „Manchmal ging es noch heftiger zu. Und nicht zu vergessen: dieser Lehrer verkörperte den pädagogschen Neuverschnitt nach dem Krieg. Kein alter Nazisack. Ein Tennisspieler par excellence. Ein Tennisspieler mit Omar-Sharif-Augen. Vor einem schwül dünstenden Strauß von Petticoats. Wolltest du nicht, dass ich alles so wiedergebe, wie es war? Wenn ich hier was beschönigen soll, kann ich auch gleich wieder aufhören.“

Wer wollte eigentlich, dass ich meine Erlebnisse aufschreibe? Naaaaa?

„Schon gut“, murrte Klöpper, „mach ruhig weiter. Aber glaub nicht, dass du Leser findest, die sich uralten Machokram und politisch und moralisch unkorrektes Verhalten antun möchten. Pfui Deibel!“

„PC gab’s damals noch nicht. Es war, wie es war.“

Als nächstes gibts Chemie auf die Griffel.



2.2 Vier Minus – Chemie

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