5.2 The Cavestones

5.2 The Cavestones

Als wir uns zum ersten Mal trafen, um eine Rockband zu gründen, waren wir noch zu dritt: Ich an der Gitarre, Manni Drewes, auch Gitarre, aber der hatte vier Basssaiten auf den Hals gezogen, was damals zwar nicht üblich aber verständlich war, weil eine echte Bassgitarre von Framus oder Höfner (vom Fender Precision ganz zu schweigen) zu teuer schien für die paar Hungertöne (Grundton – Quinte), sowie als Dritter der schon erwähnte Lolle an den Drums. Der hatte so eine Art Ausstrahlung, die wir nicht richtig einordnen konnten mit unserer spärlichen Lebenserfahrung. Gab sich locker, der Lolle, das muss man ihm lassen, aber es gab Situationen, in denen wir uns unwohl fühlten in seiner Gegenwart. Irgendwie bedroht. Später, viel später, hatte ich immer noch keine Ahnung, was mit dem los war, und ich versichere dir, da hatte ich genug Erfahrungen gesammelt.

So und nicht anders.

„Wir brauchen einen Sänger“, verkündete Manni, „so einen wie Mick Jagger, der die Weiber aufreißt. Das ist schon die halbe Miete.“

Lolle behauptete, er könne auch Weiber aufreißen, damit sei die Frage nach Mick Jagger erledigt. Auf meine Frage, was er als unter ‚Weiber aufreißen‘ verstehe, bestellte er eine Cola.

Hatte ich noch gar nicht erwähnt: Wir trafen uns immer im Eiscafe ‚Capri‘ und nicht etwa im als Jugendzentrum etikettierten Gemeindehaus, besser gesagt, im Heizungsraum des Gemeindehauses, rechts neben dem Einwohnermeldeamt, oder, wenn du es noch genauer wissen willst: Im Erweiterungstrakt des ehemals als Heizungsraum genutzten Kabuffs, Titel: Jugendzentrum.

Dort also trafen wir uns nicht.

Ich als Leader der Gruppe verwies auf die dringende Notwendigkeit, der Band einen Namen zu geben, „sonst kannst du dir genauso gut in die hohle Hand scheißen.“

„Und was ist mit den Weibern?“ Lolle schien meine Rolle als Bandleader noch nicht wahrgenommen zu haben.

„Ein zugkräftiger Name“, herrschte ich ihn leadermäßig an, „und die Weiber kommen angebrummt wie die Fliegen auf den Kuhfladen.“

Unser Disput im ‚Capri‘ erregte allmählich die Aufmerksamkeit der anderen Gäste, Gemeindehausverweigerer wie wir, Schüler, Lehrlinge, lungernde Jugendliche, die sich hier stundenlang an einer Cola festhielten.

Einschub
Dass die Schüler früher die Nachmittage frei hatten und sich bei den angesagten Treffpunkten (‚Capri‘) aufhielten, um die Zeit bis zum Abendessen totzuschlagen, weil sie die Hausaufgaben am nächsten Tag noch schnell vor dem Eintreffen des Lehrers vom Klassenstreber Adrian Schultze-Möcklinghaus abschrieben; dass sie beim Herumlungern zwangsläufig auf blöde Ideen kamen, aber eben auch auf kreative Gedankensprünge, dabei ungewöhnliche Lösungen und geniale Erfindungen hervorbrachten – heute redet man wohl von Innovationspotential, Think Tank und so was – und somit letztlich mehr für Kunst und Wirtschaft leisteten als die heutigen mit Ganztagsschule, Reitunterricht, Chinesischkursus, Mathe-AGs und dergleichen Effizienzpornos verwursteten Jugendlichen:
Davon träumst du noch nicht einmal.
Das kennst du nicht.
Weil, aber ich wiederhole mich nur ungern.
Ende des Einschubs

Ein Bandname musste also her. Ein gefundenes Fressen für die grad beschriebenen Referenzherumlungerer in der lokalen Kreativbrutstätte, dem ‚Capri‘ mit seinen Sonnenuntergangs-Lago-Maggiore-Schinken an den Wänden. „The Bandname“, rief auch schon ein schlaumeiernder Oberschüler rüber – Abiturjahrgang –, „das kommt schön selbstreferentiell.“

Das hätte vom Schleimabsonderer, Strebersack und Anwanzer Adrian Schultze-Möcklinghaus sein können, aber den hatte noch niemand hier gesehen. Paul Kowalke munkelte, er habe die Pickelfresse im Cafe Buhler gesehen, dort, wo die einsamen Lehrer einkehrten und sich die Kante gaben, sprich Tass Kaff mit Schuss, und den Schultze-Möcklinghaus gefällig über den Scheitel streichelten sowie einen Klaps auf seinen Popo als wohlwollende Zugabe, der Schwuchtelhund, der.
(Ich könnt kotzen, ehrlich, noch heute)

Ein anderer im ‚Capri‘ tat sich mit „The Caprifischers“ wichtig, und ein Mädchen (die Brechmann Irmgard, intern Brechtüte) kreischte „The Tanzkapelle, hahaha.“ Noch witziger: Erich Küpker, noch keine 15 Jahre alt, quasselte was von „The The“ und „The Warum“ und „The Helmut ohne H“, der hatte wohl von „The Who“ klötern gehört, das wurde langsam manisch.

Müßig, all die Vorschläge hier auszubreiten. Wir einigten uns auf THE CAVESTONES, der Vorschlag eines ältlichen Individuums (bestimmt über 20), der nach Katzenpisse roch, sich Charly nannte (oder Müller oder Meier), angeblich eine Banklehre wegen Verweigerung des Schweinesystems abgebrochen hatte und sich zudem, was für ein Zufall, als Eins-A-Sänger vorstellte. Er könne Whole Lotta Love von Led Zeppelin in der Original-Dur nachsingen und sogar eine Etage höher, was wir nicht überprüfen konnten, da wir Luigi, den Wirt, nicht verprellen wollten, und einen Übungsraum hatten wir auch noch nicht. Der Ausdruck ‚Original-Dur‘ hätte uns misstrauisch machen müssen. Nur abgehalfterte Tanzmucker sprachen so („In welcher Dur steht Bésame Mucho?“). Klammer auf: Die richtige Antwort dürfte für Nichtmusiker unlogisch klingen: Das Lied steht in A-Moll. Klammer zu.

Die folgenden Wochen vertrieben wir uns mit dem Austüfteln von obskuren Veranstaltungen, bei denen wir als Top-Act auftraten. Hard Rock, Blues, Beat, Pop-Rock oder so was. Sonst tat sich nichts. Bis an einem dieser endzeitigen Nachmittage im ‚Capri‘ Reiner Büsing auftauchte, 12. Klasse, randlose Brille. Er teilte uns mit, dass er zwar bei uns einsteigen würde, aber jedes Notenspiel kategorisch ablehne. „Auf den Impetus kommt es an“, belehrte er uns. Büsing, den wir immer nur Büsing nannten, galt als belesen und kannte jede Menge Fremdwörter, z. B. Mastubieren, Analverkehr oder „auf Französisch“. Welches Instrument er denn spiele, fragten wir. Keyboard, protzte er, das würde sein Vater ihm kaufen.

Sein Vater betrieb einen Fleischerladen.

Logo. Wer erwartet von einem Dummschnacker mit Mettwurst im Darm schon gefestigte Tonleiterkenntnisse oder den Quintenzirkel, den wir in Musik mit der Verve einer vollbusigen zentnerlastigen Operndiva vortragen mussten (Wem dabei eine der Raylettes in den Sinn kommt liegt nicht vollkommen falsch. Raylettes? Die drei Backgroundsängerinnen von Ray Charles, ja weißt du denn gar nichts?)

„Was meinst du?“, wandte sich Manni an mich.

Typisch, wenn jemand einer anmaßenden Brillenschlange aus der 12a eine unangenehme Absage erteilen muss, und um nichts anderes ging es hier, erinnert man sich plötzlich an den Bandleader, der das gefälligst auszubaden hat. Büsing kam mir aber mit der Bemerkung zuvor, dass wir im Keller unter dem Fleischerladen einen Übungsraum einrichten könnten.

Damit war er als Keyboarder eingestellt.



5.3 The Cavestones

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