6.3 Der Lyrik-Wettbewerb

6.3 Der Lyrik-Wettbewerb

Büsing brach ab und trat zurück. Nicht aus Angst vor dem grölenden Mob. Im Gegenteil, in dieser aufgeladenen Stimmung würde die Vortragskunst gedeihen wie die Löcher in einem Schweizer Käse.

Eine kleine dickliche Dame, gewandet in einem Waldorfstrickkleid, erklomm die Bühne des Braunen Bären.

Stöhn jetzt nicht von wegen, schon wieder so ein Klischee, mit den Waldörflern kann man es ja machen. Die Welt besteht nur aus Klischees. Behauptete Büsing. Das Klischee ist die Inkarnation des Außer-sich-Tretens, die intersubjektive Selbstwerdung im Kreisen um das Wesenhafte. Wenn Büsing einen derartigen Quatsch von sich gab (monosubjektiv interpretiert), hörten wir einfach weg, fummelten an der Bandmaschine herum (Uher: Zweispur, Bandsalat wir so oft), klebten Schnittstellen der Aufnahmen zusammen (wer genau hinhörte vernahm an dieser Stelle ein Klickgeräusch) oder putzten unsere Instrumente. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob ich Büsing korrekt zitiert habe, aber das spielt eh keine Rolle.

Die Pummeldame gab sich als Selberdichterin aus, als Dichterin, die selbst dichten könne, das sage ja schon der Name, und das praktiziere sie täglich, und sie bräuchte sich nicht vor den Ergüssen der sogenannten Klassiker zu verstecken, das seien eh „Staubtücher voll von abgelutschten Vergleichen und verlogenen Metaphern, ein Schrotthaufen poetischer Gammelware.“

Ich blickte Büsing an, fragend. Sollten wir die Dame nicht lieber wegkomplimentieren, statt sie dem Pöbel auszuliefern? Büsing schüttelte unmerklich den Kopf.

So ein Hund konnte er sein.

„Mach zu“, schrie einer der Metallgießerlehrlinge aus dem Publikum, „hau endlich das Gedicht weg oder verpiss dich.“ Eine Stimmung braute sich zusammen wie bei den Poetry Slam-Veranstaltungen, die ab den 90er Jahren aufkamen. Wir waren unserer Zeit weit voraus, predige ich nicht zum ersten Mal meiner Frau, aber die legt ungerührt Tomatenscheiben auf den Pizzateig und behauptet, meine Phantasie erzeuge Bilder des Größenwahns und der spirituellen Abgehobenheit.

Ohne weiter darauf einzugehen, möchte ich dennoch anmerken, das dir der letzte Satz einen Hinweis auf den Schlusspunkt meiner Karriere als Popstar an die Hand gibt. Aber man muss ihn deuten können.

Natürlich.

Die selberdichtende Dame rückt näher an das Mikrophon. „Ihr da, ihr da unten“, keift sie, „haltet eure Gusch.“ Sie umfasst das Mikrophon mit beiden Händen, worauf die Lautsprecheranlage zu pfeifen anfängt. Ein Stöhnen geht durch den Saal. Erschrocken lässt die Selberdichterin das Mikrophon los, das Pfeifen bricht ab, und die Leute atmen erleichtert auf. „Merkt euch schon mal meinen Namen“, kreischt sie nun in die Stille hinein.

Kein Laut. Nur Schweigen.

„Na, wie heißt du denn, Muttchen“, schreit einer hinten an der Theke.

„Mein Name, und das, Bürschelchen, schreib dir gut hinter die Ohren, mein Name lautet Alma Kondolenza Stute.“

Kein Laut. Ein Bierglas fällt splitternd zu Boden. Der an der Theke stößt einen Fluch aus. Dann kommt Bewegung in den Saal. Vorn drängeln sich die ersten Krawallmacher. Auftakt für die ersehnte Saalschlacht.
Endlich.

Mir kam plötzlich der Verdacht, dass der Vorspann dieser angeblichen Alma Kondolenza Stute bereits ein exakt geplanter Teil ihrer Performance war. Hatten wir sie unterschätzt? Ich wollte gerade nach vorn an den Bühnenrand springen, um die drohende Klopperei aufzuhalten, da begann Alma zu deklamieren, in einer künstlichen falsettartigen Stimmlage, ein Mark und Knochen durchdringender Singsang wie bei einem irischen Marktweib:

„stand vergnügten hin das Macht gestehe getroffen
ich noch Zweigen Polydor gesendet Märe trauen Wald
versetzt von Jubel Feldherr stellt mein Zepters
bekränze deinesgleichen Bote mastenreicher…“

Die weiteren Worte gingen in einem Pfeifkonzert unter.

Büsing grinste. Der Hund.

Ich begriff, im Gegensatz zu dem Pöbel da unten. Sie hatte die Worte des Gedichtes durcheinander gewürfelt und nach dem Zufallsprinzip vorgetragen. Genial, dachte ich, welche Wirkung mochte diese Zerstückelung wohl auslösen, welches performative Konzept tat sich hier auf, eine Strategie der ausschließlich die Hör- und Assoziationssinne ansprechenden Adaption, da musste ich hinterher, und dann fiel mir noch der Begriff Dekonstruktion aus dem Gedächtniskästchen, das musste ich meiner Frau beibringen, die würde sich ihre Tomatenscheiben unter die Achseln klemmen und „Alle Achtung“ rufen und „Donnerwetter, mein Haselschatz, mein Dichterfürst, mein alles und jenes“ und Lobpreisungen gen Himmel senden und das alles, was ich seit vielen Jahren vermisse, etwas, was mit Respekt und Anerkennung zu tun hat.

Aber damals waren wir noch gar nicht zusammen, wir kannten uns nicht einmal. Die von mir so fein gesponnene Genugtuung muss also gestrichen werden.

Schade.



6.4 Der Lyrik-Wettbewerb

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