6.4 Der Lyrik-Wettbewerb

6.4 Der Lyrik-Wettbewerb

Ein bulliger Kerl in einer ledernen Motorradjacke springt mit einem Satz auf die Bühne, schubst die kleine Dame beiseite und brüllt ein einziges Wort in die Tiefe des Saals: „Schnauze!“

Der Lärm bricht ab. Verblüfft starren die Zuschauer den Kerl an. Der drischt mit der Faust auf das Redepult.

„Er stand auf des Daches Zinnen!“

Pause.

„Ja und?“ wagt eine schwer aufgebretzelte Tussi zu fragen, wohl, weil sie keinen Kinnhaken oder einen Schlag in den Magen von dem Kerl befürchten muss.

Der knallt erneut seine Faust auf das Pult und brüllt:

„Und sprach’s und pisste sich ein!“

Pause.

„Das war ja nur der erste und der letzte Satz des Gedichts“, näselt vorne ein ganz Schlauer, ich glaube, es ist Ingo Steinkötter aus der Hindenburgstraße, der freitags immer das Anzeigenblatt ‚Regionaler Bote‘ austrägt.
Diesmal hämmert der Kerl seine Faust so heftig auf das Pult, dass es umkippt und von der Bühne runter auf den Tanzboden kracht.

„Den Rest müsst ihr euch selbst zusammenreimen, ihr Scheißhaustypen in euren Parkas!“ Der Kerl stößt das Mikrophon um und schreit direkt in den Saal hinein. „Aber das habt ihr natürlich nicht drauf, ihr Oberschüler, ihr saftlosen Pimmellutscher!“ Mit wuchtigen Tritten stampft er nach hinten zu den Umkleideräumen, he, denke ich, will der etwa an unsere Taschen, aber schon trampelt er wieder heran, wendet sich nochmals, diesmal zu den dort aufeinander gestapelten Requisiten des Volkstheaters, wischt mit dem Arm Papierblumen, Gläser, Aktenordner, Kerzenständer, Handfeger und das ganze Volkstumsgerümpel von der Borte, dreht sich, schießt wieder aus der Kulisse nach vorn, in Richtung Scheinwerfer, kommt ins Rutschen, schlittert geblendet über den Bühnenrand und knallt zwischen der Tussi und Ingo Steinkötter auf den Boden.

Ein Aufschrei.

Nicht aus Mitleid. Wer zeigt schon Mitgefühl mit einen gewalttätigen Irren? Nein, im Gegenteil, jetzt ist endlich was los im Karton. Keiner hilft dem Kerl, der stöhnend zwischen den Gaffern liegt, und da sonst nichts passiert, ebbt die Aufregung wieder ab. Als endlich die Sanitäter eintreffen, um den Verletzten abzutransportieren, ist die Stimmung voll im Eimer.

Unter normalen Umständen, dachte ich, müssten wir … ach was, normal kann jeder, und deshalb schnappte ich mir das Mikrophon. „Mit dem nächsten Teilnehmer“, rief ich in die Gemeinde der Mutlosen, „haben wir nichts Geringeres als eine Sensation aufgemacht, ein Geheimtipp, der noch von sich reden machen wird. Leute, schaut her und lasst euch überraschen. Ihr werdet nicht glauben, was ihr gleich zu sehen bekommt.“
Du meckerst schon wieder. Weil es nach Jahrmarktbudengeschrei klingt. War es vielleicht auch, aber es hatte seine Wirkung. Die Leute blieben und erwarteten neugierig die ‚Sensation‘.

Ein bebrillter Kurzhaariger schleicht auf die Bühne. Er schielt verschüchtert auf seine Fußspitzen und öffnet den Mund. Heraus quält sich eine einzige Silbe, die er ständig wiederholt, mehr gestolpert als gesprochen. Fast zwei Minuten geht das so:

„e e eee e eee e e e eee e e eeee e eeeeeee eee e e ee …“

Ich erinnere mich, dass er zwischendurch keine Luft holte.

Dann fiel er tot um. Eine junge Frau aus dem Saal stürmte auf die Bühne, verschraubte ihre Lippen mit seinem blutleeren Mund und fauchte ihren Odem durch seine Luftröhre. Mir wurde schlecht. Das konnte nicht gutgehen, soviel verbrauchte Luft in eine unschuldige Lunge. Doch die Mund-zu-Mund-Beatmung zeigte Erfolg, das Brillenkurzhaar schlug die Augen auf und röchelte „ee ee eeee.“

Der Saal tobte, Beifallsklatschen, hysterisches Jauchzen, Bravorufe, Wahnsinn, das ganze Programm.

„Was war denn mit ihm los?“ fragte ich später die junge Frau.

„Andreas ist Stotterer“, antwortete sie lakonisch.

Ich will jetzt nicht sarkastisch werden und unterdrücke deshalb einen wohlfeil gesetzten Kommentar dazu.

Es kletterte dann noch der Kritzler auf die Bühne, ein krummbuckliger Jüngling mit schiefen Schultern, grau im Gesicht wie Maus und Maulwurf, grau im Ganzen. Er legte eine Schiefertafel (grau) auf das wieder hergerichtete Lesepult und begann, mit einem Griffel darauf herumzukritzeln. Die Zuschauer hatten inzwischen Bier nachbestellt. Besänftigt von Hopfen und Gerstenmalz beäugten sie den Vorgang. Nach einer Weile hob der Jüngling die Tafel hoch und zeigte sie dem Saal. Die Tafel war über und über mit Text vollgekritzelt.

„Wegen der vielen Strophen musste ich den Text mehrfach überschreiben“, erklärte der Jüngling hochnäsig, als habe er es mit einem Hodensack Analphabeten zu tun.

„Ja, schon“, wies ich ihn zurecht, „aber das Gekritzel ist doch kein Vortrag.“ Ich spürte, wie ein eisiger Luftzug über die Bühne wehte. Komisch. Er kam aus der Richtung, wo ‚Lolle‘ Ludger Boomgarten stand, unser Drummer. Lolle war für den Vorhang zuständig. Und er schien auch die Ursache der Kälte zu sein. Eine Kälte, die mich frösteln machte. Nicht weil ich verweichlicht war, gut, das auch, und deshalb trage ich bis heute meinen geliebten Troyer aus Studentenzeiten, von dem meine Frau behauptet, nicht die Wolle würde mich wärmen, sondern die Reibungshitze der Lebewesen darin, die sich in den Maschen drängeln und Unzucht treiben und … aber das geht jetzt wirklich zu weit. Nein. Diese Kälte war eine Art Ahnung, ein Heraufziehen von, ja, von Beklemmung. Vielleicht hatte Lolle auch nur den Hintereingang geöffnet, und mir war wieder einmal die Phantasie mit mir durchgegangen.

Unten mischte wieder die Tussi auf. „Genau“, nölte sie und spuckte einen Kaugummi auf die Bühne, „das ist kein Vortrag, das ist Bullshit.“

„Ergebensten Dank“, frotzelte der Jüngling pomadig, „aber eine Schiefertafel ist auch kein Gedicht, so ich nicht irre.“

Das war nun völlig daneben. Vergrätzt drängten die Zuschauer zum Ausgang. Mit einem blöden Griffel und einer noch blöderen Schiefertafel hatte der aufgeblasene Schnösel es fertiggebracht, die Stimmung restlos zu versenken. Sogar die Lust auf die traditionelle Abschlussprügelei war den Leuten vergangen.

„Von mir aus kannst du jetzt ein Kapitel deiner Alpensaga dazwischenschieben“, sagte Klöpper. „Das liest eh keiner, und auch ich werde mich auf die Socken machen, um deiner Ätzprosa meinen Hintern zu Angesicht zu bringen, zu Angesicht und zur Andacht.“



7 Grausige Details einer Entführung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s