9 Der Abgang – Hamburg

9 Der Abgang – Hamburg

War ja ganz aufregend damals, unsere Konzerte, Performances und Dada-Aufführungen. Du musst bedenken, dass wir noch zur Schule gingen. Gut, das Abitur hatten wir praktisch in der Tasche, nur noch mündliche Prüfungen, aber wir machten uns keine Gedanken, wie es danach weitergehen sollte. Nach einem der Konzerte und der anschließenden obligatorischen Prügelei zwischen Oberschülern und Lehrlingen der ansässigen Metallgießerei hatten wir aber die Schnauze voll. Wir kamen einfach nicht in die erste Liga. Immer nur Provinz, kein Aufstieg in größere Hallen. Nicht mal als Vorgruppe für tourende Großstadtbands waren wir angeblich gut genug, in Wahrheit dürften die Veranstalter einen Horror vor der Vorstellung gehabt haben, dass es nach unserem Auftritt zu den bekannten Exzessen, Ausschreitungen und dem Zerkloppen des Inventars kommen könnte. Die ständigen blauen Beulen und Kratzer, die wir als Kollateralschäden erlitten, taten uns auf die Dauer auch nicht gut.

„Perlen vor die Säue“, bölkte Lolle, unser Drummer, „das große Business sieht anders aus.“

Ich stimmte dem zu. Büsing nickte, öffnete den Mund, um eine seiner parfümierten Ansprachen an das Volk zu zelebrieren, aber ich fuhr ihm mit einer Geste verächtlichen Hohns (Mittelfinger) in die Parade.

Krisensitzung.

Unser Bassist maulte, seine Freundin fände uns eh prollig. Er habe da ein Angebot von The Sunshine Boys. Die Sunshine Boys. Die spielten die Hitparade rauf und runter, Hochzeiten, Tanzmucken, Abschlussbälle, Vereinsfeiern mit Nazi-Garantie, feste Gagen, Glitzerjacken. Hochverrat an der guten Musik, und gute Musik war Heavy Metal, war Noise. Unser Sänger, wie hieß der noch, irgendwas mit Charly Müller oder Meier, dieses versaute Timbre grunzte was von ‚Is doch scheißegal, nach dem Abi geh ich sowieso nach Göttingen, Medizin oder Jura, weiß noch nicht, jedenfalls ist die Band am Arsch‘.

Aha, der machte irgendwo sein Abi nach.

Fernstudium, meinst du?
Kann sein, auf dem Gymnasium hatte ihn jedenfalls noch niemand gesehen.
Warum habt ihr ihn nicht gefragt, fragst wiederum du, der du mir immer in die Quere kommst mit deinen Einwänden.
Und?
Weiß nicht.

Bei der abschließenden Kampfabstimmung, bei der der Bassist fehlte, weil er seine Freundin nicht ‚ewig und drei Tage‘ warten lassen konnte (so ein Sprüchelaberer, der hatte auch immer ein ‚und und und‘ auf seiner Versagerlippe und ‚aber Hundert pro‘ und ‚darauf kannst du einen lassen‘ und ‚das ist die halbe Miete‘ und und und [!!!]), wo war ich? bei der Kampfabstimmung, und da kam es zu einem verblüffenden Ergebnis: Lolle, Büsing und ich, alle drei gerade mit dem Abitur fertig, wollten nach Hamburg, dort mit neuen Leuten eine absolut heiße Rockband aufziehen, diesmal professionell. Durch die Bundesrepublik touren, was sage ich, Karriere machen, das große Ding, Platten, Fernsehen, Hallenkonzerte mit Vorbands, das Übliche halt.

In Hamburg fanden Lolle und Büsing eine WG, bei der sie unterkamen. Ich schwankte noch, versiffte WG oder teure Studentenbude? Dann las ich ein Inserat im Hamburger Abendblatt, feudale Bude im Kellergeschoss zu vermieten, 110 DM, fließend Wasser, nahe S-Bahnhof.

Feudal? Da hatte sich wohl jemand vertippt. Als ich die Feudalität in Augenschein nahm, fiel mir nichts mehr ein. Doch, unser alter Übungsraum im Keller des Gemeindehauses, ein düsteres niedriges Kellerloch, das hier offenbar als Folie gedient hatte (Folie: Kritikergequatsche, wird gestrichen).

In der Hamburger Bude lagerte eine zentimeterdicke Staubschicht auf Bett, Tisch und Schrank, die Wände waren mit Bierdeckeln zugekleistert, und das Licht, dass von der Hofeinfahrt in den Palast einzudringen versuchte, wurde schon beim ersten verzweifelten Anlauf durch die dicken honigfarbenem Butzenscheiben des schmalen Fensters daran gehindert. Frau Bultmann, die Vermieterin, schlurfte in einem fleckigen Bademantel durch die Residenz und erläuterte das Ungemach, welches sie zu tragen habe, ganz zu schweigen von dem Aufwand und den immensen Kosten, allein schon der tägliche Ärger mit ihren drei Söhnen und dass 110 DM für das Prachtgemach ein Fliegenschiss sei im Vergleich dazu, was sie an Ausgaben für Kleidung, Schulkosten und überhaupt, ich könne mir keine Vorstellung machen, was das Leben an Widrigkeiten für sie bereithalte, und erst der Herr Gemahl, na, den würde ich ja noch kennenlernen, der sei immerhin honorabel.

Honorabel. Das überzeugte mich, und ich nahm die Bude.

An der Uni schrieb ich mich in Pädagogik ein. Vier Fächer waren zu belegen, und ich wählte Kunst, Geschichte, Deutsch, Chemie. Wenn dir die Auswahl anspruchsvoll vorkommt: Sie war anspruchsvoll. Sie war so anspruchsvoll, dass ich nach einem halben Semester in das noch anspruchsvollere Studienfach Volkswirtschaft wechselte. Den wahren Grund meines Wechsels hatte ich bereits in dem Kapitel Tüddi Tüddi zureichend ausgebreitet.

Schwamm drüber.

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