12 Der 17er

12 Der 17er

„Gib mir mal den 17er.“ Eine ölverschmierte Hand streckte sich unter dem aufgebockten Daimler 180 D hervor. Ich hatte das Klappfenster meiner Studentenbude aufgesperrt und blickte direkt auf die Hand, die den 17er erwartete. Mit direkt meine ich direkt im Sinne von höhengleich. Meine Bude lag im Kellergeschoss des Hauses. Wenn Wind aufkam und ich das Fenster nicht rechtzeitig verriegelte, fegten die Böen Sandwolken in mein Kellerloch. Wenn ich das Fenster nicht öffnete erstickte ich, weil die Ölheizung nebenan auf Hochtouren lief. Und weil das Klo auf dem Kellerflur keinen Abzug hatte.

Bei Windstille rieselte trotzdem Sand in meine Bude und bezog als feinkörnige Decke mein Bett, den Tisch und den Boden. Denn die drei Söhne der Bultmanns schraubten nicht nur an dem Daimler herum, wobei der 17er Schlüssel und ein Hammer als Allzweckwaffen zum Einsatz kamen, mit denen der ewig kaputte Auspuff wieder auf Vordermann gebracht wurde. Die drei setzten sich auch hinter das Steuer, um den Erfolg der Reparatur zu testen. Dazu bretterten sie auf der ungepflasterten Auffahrt immer rauf  und runter, 30 Meter hin, 30 Meter her, Rückwärtsgang, erster Gang vorwärts, Rückwärtsgang, wieder hin und wieder her, bis die Tankuhr aufleuchtete. Bei jeder Testfahrt wirbelte Staub und Geröll auf, der als Sandhose in mein aus Erstickungsnot geöffnetes Fenster fegte.

Auf die Straße durften die Jungs nicht fahren. Carsten, der jüngste Sohn meiner Vermieter, ging noch in die 2. Klasse einer Förderschule (das zweite oder dritte Mal), schwänzte die halbe Woche, weil er den Auspuff des Daimlers reparieren musste und spielte Trompete. Einhändig, die andere Hand hielt den 17er. Zwei Töne. Tröt und Tröt. Ich als Musikkoryphäe hatte ihn zu loben: „Junge Junge, sauber intoniert, das mach einer mal nach.“ Carsten schmiss die Trompete wieder in die Ecke, rannte raus und quälte den Daimler zwanzig mal runter und rauf. Aussteigen, unterkriechen, klopfen, hören. Da war doch was mit dem Auspuff.

Ich kaufte mir eine Schaufel, um den Sand aus meiner Bude zu befördern. Einen Schaufelbagger konnte ich mir nicht leisten.

Georg, der mittlere Sohn, ging noch zur Fahrschule, durfte also den Daimler auch noch nicht auf die Straße lenken. Er galt als die Intelligenzbestie der Familie Bultmann und besuchte schon die Handelsschule. Was ihn nicht hinderte, an den Nachmittagen den Auspuff des Daimlers zu reparieren (vorzugsweise mit dem 17er), hinterher zwecks Belastungstest mit durchdrehenden Reifen die Auffahrt rauf und runter zu fahren und meine Bude mit Sand, Dreck und hereinfliegenden verrosteten Blechbruchstücken einzusauen. Die Bruchstücke waren vom Auspuff abgefallen, der von den beiden Jungs fachmännisch begutachtet und repariert wurde, diesmal mit dem Hammer.

Frau Bultmann stand erst gegen Mittag auf. Ihr Mann wurschtelte da schon einige Zeit herum und bereitete das Mittagessen vor. Er kochte liebend gern Suppen. Wenn er glaubte, dass die Suppe fertig war, hob er den Kochtopf mit beiden Händen hoch und warf ihn auf den Fußboden. Er hatte nicht mit der Hitze des Topfes gerechnet. Die Suppe sickerte durch die Ritzen des Fußbodens und tropfte eine Etage tiefer auf meine Mitschrift von der letzten Vorlesung.

Ich war, du weißt es bereits, in Hamburg gelandet. Nach einem studentischen Zwischenstart in die Pädagogik, bei der ich Lehramtsgepflogenheiten observieren durfte, die mich dann schnell aus der Mensa, ich berichtige, aus dem Lehramtsstudium hinauskatapultierten, nach diesem Start (der mich wieder einmal vom Pfad meiner mir gewählten Lebenserfüllung abbrachte) pflockte ich mich an die Wirtschaftsfakultät an.
Oder war es Soziologie?

Das nebenbei.

Herr Bultmann (der Honorable) da oben ließ auch öfter das Waschbecken überlaufen. Das Abwaschwasser suchte seinen Weg durch die Ritzen und fand ein neues Zuhause in meinem Teller Eierravioli. Seltener dagegen lief die Toilettenspülung meiner Vermieter über. Dann konnte ich den Sand in meiner Bude auffeudeln, ohne extra Wasser aus dem Kellerklo holen zu müssen.

Mir war nicht klar, was ich mit einem Wirtschaftsstudium anfangen sollte. Wird sich schon ergeben, dachte ich.

Vorläufig verbrachte ich meine Zeit mit Gitarreüben und den Proben mit der Beatband, in die ich, nach dem Abgang der NEW CAVESTONES, eingestiegen war. HOWLING TIGER AND THE HAMBURG ALL STARS. Kleiner ging es nicht. Die Typen stritten sich bei jeder Probe. Sie zettelten bei den geringsten Unstimmigkeiten Prügeleien an. Sie bewarfen sich mit vollen Bierflaschen, weil sie über das vorgegebene Tempo unterschiedliche Vorstellungen hatten. Holger, der Schlagzeuger, ein drahtiger gut verdienender Schweißer oder Elektriker oder Sanitärfachmann, stellte den Übungsraum.
Er war deshalb unantastbar.
Auf ihn wurden keine Bierflaschen geworfen.

Holger bestimmte den Beat. Es war dieser Beat, der zu den mörderischen Auseinandersetzungen führte. Denn Holger kannte nur ein einziges Tempo, egal ob wir die Ballade „Sittin‘ On The Dock Of The Bay“ von Otis Redding übten oder „Blue Suede Shoes“ von Elvis Presley. Als ich mich einmal darüber beschwerte, machte Holger das, was in dieser Situation als angemessen betrachtet wurde. Er schleuderte seine volle Bierflasche auf mich, die aber meine Fender Jazzmaster traf. Daraufhin heizte sich die Stimmung auf, die anderen prügelten aufeinander ein und warfen Bierflaschen durch den Raum. Holger trommelte unbeeindruckt vom Kampfgetöse seinen Beat, den einen Beat, das eine Tempo, das er draufhatte, und als Howling Tiger, der Sänger, mit blutender Nase zu Boden ging, sprang Holger wutentbrannt auf, stieß das Ride-Becken zu Boden und drehte die Sicherungen heraus. „Schluss für heute, ihr Clowns!“

Öffentlich gespielt haben wir mit dieser Band in den Jugendzentren von Volksdorf, Barmbek und Altona, aber auch außerhalb. Bei Auftritten außerhalb Hamburgs machte sich Howling Tiger an die Mädchen ran und klaute den Inhalt ihrer Handtaschen. Wir anderen ließen immer ein paar Flaschen Bier mitgehen. Zwischenzeitlich wurde Howling Tiger zu vier Wochen Jugendknast und sonntäglicher Sozialarbeit verdonnert, was wir nicht wussten. Ahnungslos zogen wir sonntags weiterhin zu den Auftritten, Howling Tiger beklaute die Mädchen, wir prügelten uns auf offener Bühne, ließen Bier mitgehen, bis die Polizei kam und Howling Tiger mitnahm.

Der neue Sänger, den Holger auf dem Kiez aufgelesen hatte, war rothaarig, aufbrausend, unberechenbar. Ein ungeschlachter Kerl, der vermodert stank und vor dem ich Angst bekam. Zu Probeterminen und zu Auftritten mussten wir ihn auf der Reeperbahn suchen, meist hing er in der Talstraße herum, vollgekifft, betrunken, gedopt, unzurechnungsfähig. Kein Wunder, dass wir bei Auftritten kein Gage bekamen oder rausgeschmissen wurden, weil der Sänger entweder lallte oder ins Mikro kotzte oder überhaupt fehlte. Wir klauten beim Abbau noch schnell ein paar Flaschen Bier als Gagenersatz, die wir uns bei der nächsten Probe an die Köpfe warfen vor Wut über das dämliche Tempo, das Holger stur und wie in Trance vor sich hintrommelte.

Ich merke schon, dass ich weiter ausholen muss, um die Gründe des sich anbahnenden verpassten Lebenswegs getreulich aufzuzeichnen.



13 Die Klöten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s