Biokampfstoff

Biokampfstoff

Bei Onkel Paul und Tante Margret habe ich einiges wiedergutzumachen. Bei meinen letzten Besuchen hatte ich es mir nicht verkneifen können, das Gespräch zielgenau auf das Thema Tod und Bestattung zu lenken, eine Psychomacke, die unbedingt eine Diagnose und anschließende Therapie abverlangt, später, denn jetzt steh ich vor dem Haus meiner Anverwandten, einen ›Gerupften‹ in der Hand (sprich: Blumenstrauß, gerupft aus den blühenden Gärten nachbarlicher Refugien), drücke auf den Klingelknopf, wobei mir unsinnigerweise die holländische Tür einfällt, damals in Utrecht, mit dem Schild ›De rode knop is de bell‹, ja mei, ein Bell!, wem kommt’s da nicht hundemäßig und Bella Bimba, aber da geht schon die Tür auf, Onkel Paul füllt den Rahmen, ein misstrauisches Grollen aus tiefer Magengruft auslassend, oha Gruft, bloß nicht weiterdenken, das reißt mich ja gleich wieder rein ins Morbide; Gruft und Grab, überhaupt alles, was mit Gr anfängt (Grind, Gram, Greis, Grauer Star, Groko, Grüffelo …) – »Moin!«, rufe ich fröhlich, »einen schönen Tag wünscht der Heinzi. Kann er hineingeleitet werden zu Kaffee und Sahneschmaus?«

Später sitzen wir und beäugen uns. Margret meldet sich. »Der Nachbar, du weißt ja.« »Ach«, rufe ich hocherfreut, »der, der immer seinen Abfall über euren Zaun wirft?« Paul guckt verdrießlich. »Es scheint dich ja zu amüsieren«, zischt die Tante, und Onkelchen nickt: der Jung macht sich lustig, man hat es kommen sehen. »Aber i wo«, beteure ich, »eure nachbarlichen Scharmützel kennen Vorläufer, da seid ihr noch gut dran, denn im Mittelalter, so hört, benutzte man die Pest als Biokampfstoff. Tataren schleuderten infizierte Leichen mit Katapulten in die belagerte Stadt Caffa auf der Krim, um die Übergabe zu erzwingen.« (oh Mann, ich zucke zusammen, Leichen!)

»Und?«, fragt Paul schmallippig.

»Na was und? Diese Feldherrenkunst weist uns den Weg, lässt Strategieflügel wachsen, Masterplan Gegenoffensive, der böse Nachbar vor der geladenen Flinte, infiziertes Zeug rüberschmeißen, Stichwort Corona.«

»Zeug?«, fragt Margret, »sagt man jetzt Zeug zu einer Leiche?« Paul glotzt, Margret wirft mich raus. Nächstes Mal rede ich nur noch über Heideblümchen und Hünengräber, äh, Häkeldeckchen.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote 05.06.2021, letzte Seite)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s