Zufrühernte

Zufrühernte

»Nanu, sind die Himbeeren schon reif?« Diese Frage hätte Kollege Klöpper nicht stellen dürfen. Denn der Satz markierte den Beginn einer eskalierenden bitteren Auseinandersetzung. Klöppers Frau Katja hatte gerade eine blässlich-rosa Frucht neben die Kaffeetasse gelegt in der bescheidenen Erwartung von Jubel und Jauchzen. Stattdessen der Satz.

Du musst wissen: Jahr für Jahr entbrennt ein Streit zwischen den Eheleuten. Es geht um das Gärtnern. Im Frühjahr füllt Katja ihre Hochbeete mit Saatgut der verschiedensten Sorten: Möhren, Radieschen, Tomaten, Gurken, Kohlrabi, und eine Ecke ist für Erdbeerpflanzen reserviert. Kaum locken die ersten Sonnenstrahlen den einen oder anderen zaghaften Trieb aus der Erde, geht das Gießen los und das Unkrautzupfen. Klöpper ahnt was, Beklemmung schnürt sein Herz. Das Unheil klopft an die Tür. Dann kommt er, der Tag, an dem Katja von einem unwiderstehlichen Drang übermannt wird. Sie muss hinaus, die Früchte ernten! »Frühernte«, ruft sie. »Zufrühernte«, sagt Klöpper. Die Himbeere auf dem Tisch entpuppt sich als Erdbeere. Klöpper mault, Katja schmollt.

»Das Kügelchen esse ich nicht«, müpft Klöpper auf, es ist Tag Zwei. Das Kügelchen, ein Zufrühradieschen, kullert vom Teller. Über den Ehefrieden ziehen dunkle Wolken. Auch ein pickeliges Geschrumpel in Form und Größe eines kleinen Fingers wird vom Hausherrn verstoßen, eine Zufrühgurke, die Katja wütend vom Tisch fegt. Tag Drei kannst du vergessen.

Tag Vier. »Was ist das für ein Gestell um die Erdbeerpflanze?«, fragt Katja, ein gefährlich grummelnder Unterton mischt sich in ihre Stimme. Klöpper erklärt, dass sei ein Schutzgitter gegen eine Zufrühernte. »Aha«, sagt Katja, »und was soll der Kasten daneben?« Klöpper lehnt sich zufrieden zurück. »Da ist die alte Autobatterie drin. Wer das Gitter berührt, bekommt einen elektrischen Schlag.«

Darauf verkündet Katja, sie werde den Koffer holen. ›Den Koffer holen‹ ist bei den Klöppers eine stehende Redensart, gleich einer Bombendrohung, nur schlimmer. Der Koffer liegt fertig gepackt im Kabuff. Für die Flucht aus dem Klöpperland. Katjas Mutter hat immer noch ein Zimmer frei. Und Zufrühmöhren als Seelentröster.

Euer Heinzi

(FriesländerBote, 12.06.2021)

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