Sterne der Erleuchtung

Sterne der Erleuchtung

Altmodisch wie ich bin, notiere ich Sprüche und Zitate, die mir unterwegs auffallen, in eine Kladde, obwohl ich sie in mein Smartphone diktieren könnte. Tja, so ist das mit der old school. Meine Angewohnheit kann als Paradebeispiel für den Ausdruck ›verschriften‹ herhalten, jau, wie es halt so in den Amtsstuben wiehert.

Die besagten Notate dienen den Zweck, zu gegebener Zeit hervorgegraben zu werden und als Sterne der Weisheit zu erglänzen. Dafür werden sie von Kaptein Heinzi mit tiefschürfenden Kommentaren zu Wasser gelassen.

Mein erster Eintrag heute wirft ein gleißendes Licht auf die Gastronomie hierzulande, deren Haute Cuisine zeigt, wo der Hammer hängt. Es geschah in einem örtlichen Restaurant. Die Kellnerin schuftete meine Bestellung auf den sich durchbiegenden Tisch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und verkündete rechthaberisch: »Das ist so viel, das kriegen Sie gar nicht alles auf.« War der Koch ein Anhänger des dialektischen Materialismus, wonach Quantität in Qualität umschlägt? Angesichts des dampfenden Schlinghaufens erwartete ich noch die Drohung »Ich hoffe, Sie strengen sich an.« Soweit kam es nicht, und andernorts, nämlich in Japan, soll dieser Spruch sogar als Ausdruck des Respekts vor der Leistung des anderen gelten und nicht als Aufforderung, einen Kübel Sättigungsbeilage abzutragen.

Zweifel am Kern religiöser Offenbarungen bekam ich, als ich das Gespräch zweier Mädchen mitbekam. Die eine erklärte ihrer Freundin, der das Migrantische noch um das Kopftuch wehte, wie katholische Religion geht: »Katholisch ist, wenn man jeden Donnerstag und Sonntag in die Kirche muss.« Donnerstags? Habe ich eine Reform verpasst? Und was ist mit freitags? Müssen die Katholiken dann kein Fisch mehr essen?

Wie eine glückliche Kindheit aussieht, hat Rahama Ali, der Bruder des Boxers Muhammad Ali, verraten: »Er hat mich manchmal verprügelt. Ich habe ihn manchmal verprügelt. Das waren gute Zeiten.«

Von solch guten Zeiten kann man nur träumen. Wir aber wollen Zeugnissen, aus denen die Erleuchtung spricht, einen Ehrenplatz in unserem Gedächtnis einräumen. In meiner Kladde sowieso.

Euer Zitier-Heinzi

(Friesländer Bote, 07.08.2021, letzte Seite)

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