Die Damenkarte

Die Damenkarte

Von der Existenz einer sog. ›Damenkarte‹ habe ich erst jetzt erfahren, ein gefühlt halbes Jahrhundert zu spät, und es muss daran liegen, dass in der Epoche, als Damenkarten den Gästen eines Nobelrestaurants vorgelegt wurden – genauer gesagt, den Damen und nicht den Herren am Tisch, aber das sagt ja bereits der Name –, dass es also in dieser Zeit für mich undenkbar gewesen wäre, eine Lokalität aufzusuchen, wo Damenkarten ausgebreitet wurden als Ausweis einer Exklusivität, die die Möglichkeiten meines Sparkontos bei der Raiffeisen gesprengt hätte, und damit komme ich zum eigentlichen Punkt, denn in der Damenkarte waren die Preise der Speisen und Getränke nicht aufgeführt, weil als Selbstverständlichkeit galt, dass die Frau (hier: Dame) als Eingeladene und Nichtbezahlende ohne schlechtes Gewissen auswählen sollte, was immer ihr auf der Zungenspitze brannte bzw. die trockene Kehle schmieren konnte, Champagner, Hummer, Trüffel, Kaviar, so was halt, da erschrak ich (gerade eben, nicht damals), Mannomann, was für ein Vabanquespiel, denn selbst, wenn sich der herausgeputzte Galan zuvor über die Preise vergewissert haben sollte und sich mental auf das Damoklesschwert über seiner Barschaft eingestellt hatte, zumal nicht auszuschließen ist, dass der Gastronom in munterer Gewinnlaune kurz vorher die Preise verdoppelt hat, schleicht sich Bangigkeit ein beim Anblick des Suchfingers der Dame, welcher zielsicher über die Menüs zirkelt und auf der letzten Seite der Karte verweilt mit der Spezialkreation des Kochs und ihrem ins Wahnwitzige explodierenden Preis, der die Privatinsolvenz des Kavaliers endgültig besiegelt, nein, da lob ich mir doch die Frittenbude, die mit festen Preisen ein verlässliches kulinarisches Erlebnis verspricht.

Eine Damenkarte, die mochte früher für Nervenkitzel sorgen als Vorspiel für das darauffolgende Geleit ins Hotelzimmer, aber für mich wäre das nix, man gut, dass heute die emanzipierte Frau die Damenkarte als sexistisch verfemt und selbstbewusst die Rechnung für den romantischen Abend übernimmt, da haut man als Mann gern ein zweites Mal in die Currywurst mit Pommes rein, Herr Ober, noch einen doppelten Absacker, die Rechnung kann einem ja gestohlen bleiben.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 14.08.2021, letzte Seite)

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