Wahlwerbung mit Schnarchgarantie

Wahlwerbung mit Schnarchgarantie

Von den Wahlplakaten lächeln sie wieder auf uns herab, die Kandidaten und Kandidatinnen. Man muss sich beherrschen, um nicht das Wort ›lächeln‹ durch ›grinsen‹ zu ersetzen. Aber das kennen wir längst, und man könnte sich mehr Abwechslung vorstellen, etwa einen Bewerber mit finsterer Miene, zerfurcht vor Gram und Ungehaltenheit über die miesen Bürger, die ihn nicht wählen wollen und es auch in Zukunft lieber lassen, weil, wer will sich schon von einem Knarzbrocken regieren lassen, der einen anmuffelt vom Plakat da oben am Laternenmast, und deshalb muffelt der feine Herr ja auch nicht, sondern setzt sein Grinsegesicht auf als Maßnahme der Liebedienerei und Verlockung.

Beim Stichwort feiner Herr prostet mir der nächste Wahlplakatmissvergnügungspunkt zu: Fast keiner der Herren hat sich die Mühe gemacht, seinen guten Zwirn überzuwerfen plus Krawatte (die mit den Diagonalstreifen). Soll das textile Arrangement betont volksnah rüberkommen? Bemüht um gleiche Augenhöhe mit dem freizeitenden Fußvolk? Wo wir schon bei gleicher Augenhöhe sind: Dafür müssten die Plakate niedriger hängen, so dass man den Aspiranten direkt in die Pupillen plieren kann und nicht schräg nach oben, wobei man sich den Rücken verknackst, ein weiterer Patzer, das sollten sich die Werbefuzzis mal in ihr Aufgabenheftchen notieren.

Schlimmer noch die mangelnde Vorbildfunktion der Plakathelden. Keiner trägt eine Maske! Sind wir hier auf einem Konvent der Querdenker?

Ästhetisch gesehen herrscht Biedermannoptik mit Schnarchgarantie. Warum schmückt sich, nur ein Beispiel, King Christian nicht mit einem Turban zwecks Völkerverständigung und Willkommenskultur? Altpolitfürst Funke käme viel freundlicher mit einem Blümchen im Haar daher. Auch Fräulein Siemtje von Varel könnte mehr dekorativen Mut aufbringen, vielleicht mit einem feschen Schnurrbart und einem Nasenring. Ei, das wäre ein echter Hingucker.

Klar, wichtiger als das Aussehen der Kandidaten ist natürlich deren Wahlprogramm. Aber mit den Parolen kann man höchstens eine tote Fliege erschlagen und überhaupt, wer hat schon Lust auf ewig wiederkehrende Floskeln. Da verspricht selbst ein Telefonbuch mehr Sex & Crime.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 04.09.2021, letzte Seite)

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