Pi

Pi

»Kommt heut nicht der zweite Teil zum ersten Teil?«, rief ich durchs Haus in der Hoffnung, aus irgendeiner Ecke eine Antwort zu bekommen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass der Satz zwar plausibel klang – ein zweiter Teil folgt in der Regel auf einen ersten Teil –, gleichzeitig aber etwas unklar. Ich hatte den Fernsehfilm im Sinn gehabt, dessen zweiter Teil noch ausstand. Muss man denn alles bis ins Kleinste ausbuchstabieren? Schließlich ist man keine Plappergans und kann sich auf die Eckpunkte beschränken, oder ist das zu viel verlangt?

Zu viel verlangt und meine Toleranzgrenze überschreitend war diese Meldung: Schweizer Forscher haben die Zahl Pi auf 62,8 Billionen Stellen hinter dem Komma errechnet. Dazu ließen sie 108 Tage lang die Computer laufen. Jetzt neue Frage: Welchen Sinn macht es, Zahlen hinter einem Komma zu berechnen? Hatte unser Herrgott etwa als Krönung seiner Schöpfung eine Matheaufgabe eingerichtet, deren Relevanz vergleichbar ist mit der Frage: Wie viel Gramm Forscherhirn passen auf einen Kuhfladen? Das Auswendiglernen von Pi wird sogar als Sport betrieben (Weltrekord: 70 000 Kommastellen, vorgetragen in 10 Stunden). Ein Turnier für Autisten? Vielleicht hatte sich der Herrgott bei der Berechnung der Zahl Pi so verzettelt, dass er mental völlig verfusselte, kapitulierte und die Lösung der Aufgabe auf die Menschheit abschob. In dem Fall leuchtet mir das Credo von Arthur Rubinstein ein: »Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an etwas viel Größeres.«

Nun haben die Schweizer Forscher mit ihrem Pi-Wahn keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal in Sachen sinnfreier Beschäftigung. Auch wir Schmalspurkrauter heben uns damit hervor: auf Facebook und all den asozialen Medien herumklicken, Wahlprogramme studieren, sich mit Querdenkern abgeben, der Wetterkarte vertrauen … die Liste nimmt kein Ende und verspricht so viel persönlichen Gewinn wie das Hochseeangeln in einer Sandkiste. Dazu passt die Maxime von Oscar Wilde: »Nichts, was wirklich geschieht, hat die geringste Bedeutung.« Ob das die billionenste Nachkommastelle von Pi ist oder der zweite Teil hinter einem ersten Teil oder umgedreht: alles wurscht.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 11.09.2021, letzte Seite)

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