Waldbaden

Waldbaden

»Ich kann mich ja gut in deine Klienten hineinversetzen«, sprach ich und ölte meine Stimme nach den Vorschriften für Heiratsschwindler, »nach all den Monaten der Einsamkeit im Lockdown gebricht es vielen Ungefestigten an Lebenskraft, um ein solides Gerüst, sprich eine Krücke für unausgelebte Körperkontakte zu installieren.« Ich hatte Kuscheltherapeutin Susanne in der Leitung und warf meine fachspezifische Anteilnahme als Köder aus, um geschmeidig auf ein Thema hinzuleiten, das bei mir schon lange in der Warteschleife schmort. »So so«, kam es knapp zurück, »du hältst also meine Klienten für ungefestigt? Für psychisch labil und meine Kuschelarbeit für einen billigen Reparaturvorwand, da sollte man besser gleich die Pharmakeule schwingen?«

Ich wechselte hastig das Thema. »Eigentlich wollte ich dich um eine professionelle Auskunft bitten, nämlich zum Thema Waldbaden. Sag, was genau unterscheidet das Waldbaden von den öden Spaziergängen, die in unserer Kindheit die Sonntagnachmittage vermasselten?«

Stille. Ein gutes Zeichen. Susanne überlegt. Vielleicht repariert, äh, therapiert sie grad einen Ungefestigt … wollt sagen Kuschelbedürftigen. Dann, unnachgiebig, therapeutisch gestählt: »Mein lieber Heinzi, egal was ich sage, du ziehst doch immer nur alles durch den Kakao. Dafür bin ich mir wirklich zu schade.«

Ich schwieg. Abwarten. Ein Trick, den ich aus Kriminalromanen kenne, Verhörtechniken, du weißt schon.

»Übrigens«, die Therapiestimme hatte um eine Umdrehung zugelegt, »so, wie du durch den Wald trampelst, kannst du dich genauso gut mit einem Bohrhammer rasieren. Beim Waldbaden sollst du dich entschleunigen, achtsam mit dir umgehen, deine Sinne öffnen, ins Spüren kommen, Empfindsamkeit zulassen, den sanften Luftzug auf deiner Haut fühlen, den Vögeln lauschen, über raue Rinden streichen, die duftenden Tannennadeln schmecken, das Raunen der Blätter …

Rhabarber Rhabarber, dachte ich, aber die Saat der Wörter blühte auf wie die Pickel einer Pubertierenden. Der nächste Gang mit Rauhaar Klopstock, das verspreche ich, wird ein Waldbadkracher werden, ein Achtsamkeitsböller, bei dem die Sinne nur so durch die Decke knallen.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote 18. 09.2021, letzte Seite)

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