„Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung“

„Mit dem Rücken zur Fahrtrichtung“

Interview: Heinzi über 40 Jahre Friebo, Haarausfall und Kautabak

Bevor es zur ersten Frage kommt, springt Heinzi von seinem Sessel auf und erläutert seine Theorie der Retardierung, die er nach eigenem Bekunden in seiner Kolumne den Friebo-Lesern einzuhämmern gedenkt. »Es beginnt mit dem Ende und endet mit dem Anfang«, begründet der Autor die Notwendigkeit, das »Daseinige, Wesensgründige und Scheinweltliche« hinter dem sogenannten »Zeitschleier der geistigen Entkräftung« hervorzuzerren. Um dies zu erreichen, gälte es, den Friebo von hinten nach vorn zu lesen. »Mit dem Tschüs als Begrüßung«, so der Autor, »setzt sich der Reisende des Hier und Dort gleichsam mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Da fliegt sie hin, die Chimäre der geduckten Zeit, sie huscht und huscht …«

Zum Glück unterbricht ein jäher Hustenanfall das Geschwurbel, und wir können endlich mit dem Interview beginnen.

»Herr Heinzi, im …«
Heinzi: »Ich sage ja gern, das Gestern ist der Haarausfall des Vorgestern, eine Metapher meiner Cousine Gerlinde, die im Kindesalter zum Missvergnügen des Pastors in das Taufbecken gepullert hatte. Übrigens ein hübsches Mädel, aber so etwas darf heutig ja nicht über die Lippen schlüpfen, da muss man das soziale Fallbeil fürchten, die Internetinquisition und das Facebook-Bubenpack, was sage ich Buben, ist das noch Gleichberechtigung?«

Heinzi ereifert sich, röchelt, verliert die Besinnung und sackt in sich zusammen.

»Abgesehen davon, im 40. Erscheinungsjahr …«
Heinzi (kommt wieder zu sich, rotgesichtig): »Cancel Culture! Cancel Culture! Cancel Culture!«
»Doch wohl nicht im Frie …«
Heinzi: »Jetzt sage ich Ihnen was: Damals, ich und Kollege Klöpper, wir waren noch grün und spechtig, da haben wir auch nicht jedes Wort in die Petrischale gelegt oder Fräulein Korditzke, unsere Deutschlehrerin, gefragt, die, unter uns, dem Biolehrer Hottes in die Stiefel gestiegen war, quasi Exkursion, zwinker zwinker. Doch zurück: Bei Tisch, da durfte man auch nicht falsche Worte wählen, nicht als Bub, nicht als Mädel, da herrschte Zucht und Züchtigkeit, nicht wie die hitzige Korditzke, gell?«
»Moment, zum …«
Heinzi: »Hier, Herr Friebo, so kosten Sie doch ein Stück von meinem Kautabak. Sie zittern ja.«
»Kommen wir zum Jubi …«
Heinzi: »Letztens, das muss ich noch erwähnen, ehe wir den Lorbeer kränzen und das Blech der Posaunen dengeln zum Lobgepreise, letztens saßen wir bei Tante Margret und plauderten über das Jenseits, welches dem Onkel Paul wohl gefallen würde, wenn ein Tropfen des edlen Bärwurz würde rinnen in der Kehlen tiefen Grund. Ein Verlangen postulierte sich da, ein Druck wie in einem Schlauch mit diesem gewissen atü. Man sagt doch atü?«

Heinzi steht auf und öffnet das Fenster. Einige atü entweichen mit einem Zischen.

»Noch einmal: Zum 40. atü, wollt sagen Jubiläum, wie würde …«

Heinzi winkt ab. Nimmt die Brille von der Nase und reibt sie gedankenverloren am Hemdzipfel.

»Okay, letzter Versuch. Ihre Gedanken erscheinen doch arg sprunghaft, konfus und ungerichtet. Fall dahinter eine Methode steckt, könnten Sie dem Leser, quasi als Jubiläumsgeschenk, die Hintergründe erläutern?«
Heinzi: Meine Theorie der Manifestation des Absurden im Absichtslosen, im karamellisierten Sud ungefährer …«
»Herr Heinzi, ich danke für das Gespräch.«

Das Interview führte Hajo Teschner, Friebo-Kolumnist seit dem Urknall, außerdem Heinziologe der ersten Stunde und Begründer der Heinziaden, den Bleifußgesprächen am offenen Fenster.

(Friesländer Bote, Sonderausgabe zum 40. Jubiläum, 06.11.2021, letzte Seite)

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