Herbstmänner

Herbstmänner

Wenn ich dieser Tage mit Rauhaar Klopstock durch den herbstlich-winternahen Wald streife, begegnet uns manchmal die zu grauer Gestalt geronnene Bedürfnislosigkeit, oder anders ausgedrückt, die figurative Ausformung aller irdischer Zerfahrnisse, ein Begriff, der mir analog zu Bodo Kirchhoffs Novelle »Widerfahrnis« einfällt, und daran kann man sehen, wie sich Assoziationssprünge in der Schüssel (= Hirnareal) gichtfingrig ausbreiten. Wenn einem bei der Widerfahrnis etwas widerfährt – bei Kirchhoff ein tragischer Schicksalsschlag (Spontanurlaub in den Süden) –, dann müsste einem bei der Zerfahrnis die fugenfeste Welthaltigkeit zerfahren, will heißen aus den Fingern gleiten, sich ins Nimmerland verabschieden. Wie ich darauf komme? Nun, wir, der Heinzi und sein Hund, entdecken hin und wieder ›Herbstmänner‹. So nenne ich sie. Die Herbstmänner sitzen solo und stumm auf einer der Gemeinwohlbänke im Wald, und sie starren. Sie starren ins Geradeaus. Da wo nix ist. Wenn ich ihren Blickrichtungen folge, sehe ich einen Baumstamm. Oder eine Pfütze am Weg. Was ich nicht sehe, sind: Ziegen. Wenn ich einen Mann starren sehe, fällt mir der Film »Männer, die auf Ziegen starren« ein, und dann denke ich, da muss irgendwo eine Ziege sein. Die Herbstmänner aber starren ziegen-, sprich ziellos. Zerfahren halt. Nicht so wie unsereins, der gesellig in ein Kaminfeuer starrt. Nie aber habe ich eine Frau gesichtet, die auf einer Bank hockt und vor sich hin starrt. Frauen laufen lieber. Sie laufen im Pulk und reden. Warum auch sollten sie auf Bänken hocken und starren? »Die Kuh«, sage ich zu Klopstock, »die ist das, was der Herbstmann ist.« Es sind Worte literarischer Belesenheit. Der Schriftsteller David Albahari nannte eine seiner Erzählungen »Die Kuh ist ein einsames Tier.« Jetzt klopfst du deine Knöchel ans Jochbein und rufst: »Ich verstehe, der Mann ist eine einsame Kuh.« Sag das mal einem Herbstmann! Übrigens begegnen uns Herbstmänner auch im Frühling. Und im Sommer. Auch im Winter, aber da weniger, weil, auf der Bank ist es nass und kalt, und da macht das Starren keinen Spaß. Wobei Spaß sicher nicht das richtige Wort ist, mahnt

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 06.11.2021, letzte Seite)

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