Die Rückseiten der Gemälde

Die Rückseiten der Gemälde

Für ein paar Wochen konnten Kunstliebhaber aus der ganzen Welt etwas Besonderes besichtigen, ein Anblick, der seit Jahrhunderten nur wenigen Eingeweihten und Privilegierten zugute kam: Die Rückseite des Gemäldes ›Die Nachtwache‹ von Rembrandt. Das Rijksmuseum in Amsterdam hatte das Werk wegen einer Inspektion andersrum aufgehängt mit dem Risiko, dass eine schon befürchtete Janusgesichtigkeit des Meisters (ein Vorläufer von Dr. Jekyll und Mr. Hyde?) sich offenbaren könnte und sich schwefelsäurig in die zusammengekrampften Seelen der Zuschauer fressen … »Deine Fantasie geht wieder mit dir durch!«, schallte es aus einem entfernten Teil des Hauses, und ich hielt inne, den Faden fortzuspinnen. Dafür verfing sich eine andere Mücke in meinem Gedankennetz: Wie, wenn die Museen einen ›Tag der Rückseite‹ ausrufen würden? Alle Gemälde mit dem Gesicht zur Wand (die Museumswärter auch). Da würde einiges zutage treten. Vorne Tizians Porträt eines Renaissancefürsten im Hermelinpelz, mit aristokratischer Stirn und hehrem Herrscherblick, hinten sein wahres Konterfei: eine verschlagene Visage, Säufernase, Tränensäcke und Gierblick. Darunter die handschriftliche Schmäh: ›Der Saukopp sabbert die Leinwand voll, zahlt aber nicht‹.

Oder das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch. Falsch aufgehängt strahlt uns ein knalliger quietschroter Sonnenaufgang an, der alte Kitschkasimir, der Schwärmer..

Was es mit der Mona Lisa auf sich hat, darüber wird seit Jahrhunderten gerätselt. Eine Notiz auf der Rückseite, vom Meister hingekritzelt, lässt aufhorchen: ›Die Trulla schwitzt und hat einen sauren Atem, da kann einem schlecht werden, Kunst heißt Entbehrung‹.

Und wer weiß, auf der Rückseite des Selbstporträts von van Gogh (das mit Pelzmütze und Verband) findet sich womöglich ein angetrockneter Klumpen Blut, an dem das rechte Ohr klebt, aber darüber schweigt der Connaisseur, und deshalb kommt das Bildnis nicht in die Auswahl.

Abgesehen von solch prekären Einzelfällen: Einen Tag lang die Leinwandrücken betrachten kann als Augenwäsche und Sehhygiene einen heilsamen Effekt auslösen. Tags drauf kann man sich wieder erfrischt die volle Breitseite von Kunst und Dunst antun.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 20.11.2021, letzte Seite)

 

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