Misophonisches

Misophonisches

Kennst du das Geräusch, wenn jemand ein Löchlein im Backenzahn hat oder eine Lücke zwischen zwei Zähnen, in die sich beim Essen eine Faser Lammfleisch (jetzt wird’s etwas eklig) oder ein zähes Bröckchen vom Kotelett verklemmt hat und der Besitzer der Zahnreihe ansetzt, das störende Miststück mit einem unauffälligen Daumennagelratsch hinter vorgehaltener Hand aus der Lücke zu prökeln, dann aber verzweifelt den Turbogang einlegt und mittels Saug-, Pump- und Blasaktivitäten das verfluchte Drecksteil herauszuschlotzen versucht, wobei, und jetzt lande ich punktgenau am Ziel meiner Ausführung, wobei zischschabige, sauglutschende und sprühgischtige Geräusche abgesondert werden, die den Tischnachbarn in eine panische Fremdscham stürzen, vor allem – Stich, Punkt und Sieg der Ableitung –: wenn er (oder sie) an Misophonie leidet, der Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen.

Das kennt auch der von Misophonie unbefleckte Bürger: Spätnachts, die Fledermäuse haben sich zur Ruhe abgehängt, vernimmt der schon Böses Ahnende das heranrollende Getöse einer Unterweltsinfonie, ein Schnorcheln, Sägen und Röcheln, zerhackt von explodierendem Gurgelschnalzen, nämlich dem des ehepartnerlichen Virtuosen der kakophonischen Tonkunst, die dem Zwangshörer die Gänsehaut über die Schlafdecke zieht und ihn in eine hitzige Wutattacke ausrasten lässt, welche jedem Misophoniker bestens geläufig ist. Diesem kann selbst das Atmen des Nachbarn zum Mahlwerk des Teufels anschwellen, aber auch für alle anderen ist der Tisch an Foltergaben reich gedeckt: tropfende Wasserhähne, Laubsauger, Suppenschlürfer, sächsische Mundart, das Geifern der Querdenker, der Bürostuhl quietscht, die Heizung pfeift, der Hund schnieft, Fensterläden klappern, im Auto pingt und piept es, die Tür knarrt und als Siedepunkt aller Höllenqualen: Dein Kollege knipst mit den Fingernägeln.

Als ich neulich mit Rauhaar Klopstock durch die Felder zog, stoppte ich, lauschte. Da war etwas. Aus allen Richtungen umkreiste es mich, fing mich ein, wollte mich schier ersticken. Es war die Stille. Eine Totenstille wie ein schauriges Ahnen des ewigen Schweigens.

Seitdem spendet mir der Kollege Trost und tiefe Lebenskraft – knips knips knips …

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 08.01.2022, letzte Seite)

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