Piep Piep

Piep Piep

Manchmal rumort ein Gedanke in einem rum und rödelt im Verborgenen, bis er brutal aus dem Unterbewusstsein hervorbricht: »Grüß Gott, hier bin ich.« Zack. So erging es mir mit einem Zitat von Annalena Baerbock, schon lange her. Sie hatte eine Situation geschildert, wo das rassistische N-Wort gefallen war, also nicht ›N-Wort‹ an sich, sondern das Unwort, welches wir mit dem Begriff ›N-Wort‹ zu umgehen versuchen, jedenfalls, die Baerbock hatte das Unwort wörtlich zitiert. Der aufheulende Shitstorm in den asozialen Medien trieb sie zu der Entschuldigung, sie habe »das N-Wort selbst reproduziert«. Denn nach Auslegung der Sprachkontrollbehörde verstärkt jede Reproduktion eine dem Wort innewohnende Diskriminierung.

Lassen wir so stehen, aber was ist damit: Das Wort ›schwul‹ wird in bestimmten Kreisen als Beleidigung ausgespuckt (Deutschrap, auf Schulhöfen, u.a.). Es kann sowohl diffamieren als auch wertneutral beschreiben, je nachdem, aus welchem Mund es kommt. Darf man ›schwul‹ also nur reproduzieren, wenn man das Umfeld auf Vorurteilsfreiheit geprüft hat? Wie sieht es aus mit ›Eskimo‹? Der politisch korrekte Ersatz durch ›Inuit‹ passt einigen nicht-inuitischen Volksstämmen überhaupt nicht, deshalb bevorzugen sie selbst das Wort ›Eskimo‹. Ist die Reproduktion von ›Eskimo‹ nun abwertend oder was? Irgendwie ist das nicht zu Ende gedacht.

Egal, denn die Medienfuzzis der Baerbock haben einen perfekten Ausweg gefunden. Sie ersetzten das N-Wort durch einen Piepton. Dieser Piep hat das Zeug, alle belasteten Begriffe zu entschärfen. Nehmen wir den Abzählreim ›Zehn kleine N-Wörterlein‹. Der Ersatz des rassistischen Unwortes klingt lachhaft, ›Zehn kleine Pieplein‹ dagegen kindgerecht.

Und bei uns in Friesland? Ständig müssen wir vom ›Fräulein Maria von Jever‹ lesen. Fräulein, ein sexistischer Begriff von Anno Tobak. Von jetzt ab kann es deshalb nur heißen: ›Das Piep Maria von Jever‹. Und das Deutsche Fräuleinwunder wird zum Piep-Wunder. Reinen Gewissens lassen wir uns nun ein ›Piep-Schnitzel, ungarische Art‹ schmecken. Auch mein Rufname Heinzi, der den seriösen Namen Heinz durch Verniedlichung entwürdigt, muss bereinigt werden. Deshalb grüßt heute korrekt:

Euer Piep

(Friesländer Bote, 12.02.2022, letzte Seite)

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