Die Methusalem-Falle

Die Methusalem-Falle

Wir hatten eine gute Zeit, Tante Margret, Onkel Paul und ich. Und Rauhaar Klopstock da unter dem Tisch. Kaffee wurde ausgeschenkt, Margrets selbst gebackener Käsekuchen verköstigt und Erinnerungen an die gute alte Zeit schwelgerisch ausgebreitet, damals, als die beiden noch nicht in Rente waren. Weißt-du-noch-Sätze wurden einander zugespielt, jeder einzelne ein Startschuss für eine pittoreske Geschichte (Margret, als sie den VW Käfer in den Graben gesetzt hatte; Pauls peinlicher Sturz vom Kamel in Ägypten; die Geburtstagsfeier, wo sie mir einen Schuss Tabasco in den Schnaps gemischt hatten, ha ha, das war lustig, wie ich gespuckt und gewürgt hatte mit Tränen in den Augen). »Hauptsache gesund bleiben«, dröhnte Paul, und Margret nickte: »Gesundheit ist alles.« »Und ein langes Leben, darauf einen Absacker.« Onkel Paul hat noch immer einen Vorwand fürs Saufen gefunden.

»Das lange Leben hat auch seine Tücken«, warf ich ein, etwas unbedacht. Die beiden verstummten. Die friedliche Stimmung drohte schon zu kippen, da detonierte unter dem Tisch ein Hundepups, der die Gläser in der Vitrine scheppern ließ, Geruch trat auf. Margret aber ließ sich nicht ablenken: »Worauf will der Jung hinaus?« Mit Jung meinte sie mich, dritte Person, schlechtes Karma.

Ich lud mir noch ein Stück vom Käsekuchen auf den Teller. »Noch nie von der Malthusianischen Falle gehört? Demnach wird jeder Produktionsfortschritt von den vielen Methusalems wieder aufgefressen, natürlich nicht wörtlich. Man kennt das auch unter dem Begriff Methusalemische Falle.«
Pauls Blick irrlichterte zur Vitrine, zu Bärwurz und Weinbrand. »Und was hat dieses Malthusadings mit uns zu tun?« frug Margret. »Methusalem«, sagte ich, »versteht ihr? Methusalem gleich alter Mensch. Der medizinische Fortschritt erhöht die Lebenserwartung, sprich, es gibt immer mehr unproduktive Rentner, die bezahlt werden müssen. Das eine frisst das andere auf.«

Mit der friedlichen Stimmung war es vorbei. Der Kuchen war auch alle und der Kaffee kalt. »Na«, sagte ich und nahm Klopstock an die Leine, »dann will ich mal. Bleibt gesund und ein schönes …« Langes Leben, wollte ich sagen, und nur ein Hustenanfall bewahrte mich vor dem sicheren Blutgericht.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 26.03.2022, letzte Seite)

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