Möbelmusik

Möbelmusik

Was soll man von einem Herrn halten, der in seinem Leben nur weiße Lebensmittel zu sich genommen hat: Käse, Eier, Zucker, Salz, Hühnerfleisch, weißer Fisch, Nudeln, Kokosmilch und dergleichen? Der in den ›Memoiren eines Mannes, der sein Gedächtnis verloren hat‹ berichtet: »Ich schlafe nur mit einem Auge. Jede volle Stunde nimmt mir mein Diener die Temperatur und tauscht sie gegen eine andere aus.« Ein Fall für Dr. Freud?

Bevor hier abfällige Bemerkungen eintröpfeln, verrate ich seinen Namen: Erik Satie (1866 – 1925), ein Komponist, dessen berühmtestes Stück, die Gymnopédie Nr. 1, wohl schon jeder einmal gehört hat. Ihn hier vorzustellen, war schon lange mein Anliegen.

Satie gilt in der Musikgeschichte als kaum einzuordnendes Unikat (wie auch Unikum). In einer Zeit des wagnerianischen Bombast-Getöses verfocht er das Postulat der absoluten Einfachheit und Klarheit. Virtuosität und Raffinement lehnte er ab. »Wir sollten eine eigene Musik haben, möglichst eine ohne Sauerkraut.« Upps. Das saß. Und so verfolgte er die Idee einer sog. Einrichtungsmusik, der ›Möbelmusik‹: Sie soll den Raum füllen wie ein Stuhl, Tisch oder Vorhang. Dass Satie seine Werke mit sprachlichem Witz und bizarren Bildern beschrieb: Wen wundert’s, dass ich seine Einfälle hier gern weitergebe, ist doch diese Kolumne dem Welttheater des Absurden eingebürstet. Überlassen wir jetzt Herrn Satie seiner eigenen Schreibe und seinen Werken:

›Unappetitlicher Choral‹ (den Verblödeten und Verschrumpelten gewidmet). – ›Wahrhaft schlaffe Präludien für einen Hund‹ – Dann die ›Quälereien‹: ein kurzes Thema, das 840 Mal zu wiederholen ist. Wurde 1963 von John Cage und weiteren Pianisten aufgeführt, Dauer 19 Stunden (2020 brauchte Igor Levit dafür 15 Stunden).

Außerdem schrieb Satie ›Drei Stücke in Form einer Birne‹ – ›Vertrocknete Embryonen‹ – ›Melodien zum Davonlaufen‹ – die ›Bürokratische Sonatine‹ sowie ›Fünf Grimassen für Ein Sommernachtstraum von Shakespeare‹.

Wen die Titel befremden, sollte sich noch einmal die garantiert sauerkrautfreie Gymnopédie Nr. 1 anhören, eine Möbelmusik, die Tisch und Stuhl komplettiert und zum Vorhang in der Stube einen farblichen Tupfer setzt.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 28.05.2022, letzte Seite)

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