Energie sparen

Energie sparen

»Wir sind ins Gästezimmer gezogen«, sagte Juliane, eine Cousine weiß ich wievielten Grades. Sie offenbarte dies nicht, um ihr Engagement bei der Wohnbeschaffung für ukrainische Flüchtlinge zu betonen. Nein, sie wollte uns beschämen, als Vorbild und Mahnung, weil, wer sonst zieht wegen der Heizkosten und des Energiesparens aus dem gemütlichen Wohnzimmer in die winzige Gästekammer und setzt das Resthaus der winterlichen Kälte aus. Aber da hat Juliane sich verrechnet. Bei uns und bei den Nachbarn ist ein regelrechter Sparwahn ausgebrochen. Die Klöppers als Vorreiter haben ihren Hauswirtschaftsraum wohntauglich eingerichtet. Der Fernseher steht auf dem Wäschetrockner, der Computer im Regal neben den Bohnen und den Gurken, »und das Beste daran ist der Heizkessel«, begeistert sich Klöpper, »der wärmt den Raum ganzjährig. Manchmal dröhnt und zischt es, aber dann stelle ich den Fernseher einfach lauter. Im übrigen Haus stehen die Thermostate auf Null.« Auf Null steht auch der Begeisterungspegel seiner Frau Katja. Sie habe gestern einen Pinguin im Wohnzimmer gesichtet, »wenn Eisbären das Schlafzimmer besiedeln, packe ich meinen Koffer.«

Auch wir meiden unser Wohnzimmer, so, wie die Landbewohner früher. Die nutzten die gute Stube nur zu Weihnacht. Jetzt hocken wir abends im einzig beheizten Raum, der Küche. Immer noch besser als bei den Brammers, die sollen sich im Badezimmer eingerichtet haben und in der Badewanne kuscheln. Na ich weiß nicht.

Den Rest aus der Pressstempelkanne werfe ich auch nicht mehr weg. Wenn ich zwischendurch Kaffeedurst verspüre, quetsche ich den letzten Tropfen aus dem Sud, kaltes Wasser dazu und ab in die Mikrowelle. Die qualmende Masse weckt Erinnerungen an die Autobahnbaustellen im Sommer, dieser würgende Geschmack nach Teer und Asphalt, da kommen Urlaubsgefühle auf.

Man spart jetzt auch beim Kochen, indem man den Herd vorzeitig ausstellt und eine Stunde wartet. Dann sollen die Kartoffeln gar sein, direkt zum Reinbeißen. Bei uns werden die Kartoffeln schrumpelig, kalt und ungenießbar. Gut so, man spart Kalorien und verliert ungesunde Pfunde (Bauchspeck!). Eine Win-Win-Situation. Wenn das Genörgel von da hinten im Haus nicht wäre.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 03.12.2022, letzte Seite)

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