Losland Varel – eine Farce?

Das Projekt Losland Varel (in Form einer Bürgerrats) hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Situation der Veranstaltungsräume in Varel zu überdenken und Vorschläge zur künftigen (»enkeltauglichen«) Gestaltung zu unterbreiten. Verkürzt gesagt ging es um den Erhalt oder den Abriss des Tivoli.

Wer die Diskussion darüber auch nur nebenbei verfolgt hatte, musste sich verwundert die Augen reiben: Eine Fülle an Vorschlägen und sogar ausgearbeitete Studien gab es schon lange zuvor, lagen und liegen griffbereit auf dem Tisch, nur hat die Politik sich nicht bequemen können, ihre Arbeit dazu aufzunehmen. Dass da andere als sie selbst Intitiative ergriffen haben, passte ihnen offensichtlich überhaupt nicht. Nein, lieber will man es auf den lange Bank schieben, will sich nicht die Finger verbrennen an solch einem heiklen Thema (wie z. B. auch die Verkehrssituation in Dangast). Da kam das Losland-Projekt den regierenden Politikern gerade recht, um die Verantwortung abzuschieben auf einen Bürgerrat, der aus 16 zufällig ausgesuchten Personen bestand, denen man wohl mehr zutraute als dem eigenen Verstand.

Nach einer langen Phase des Herumeierns also folgte die lange Phase eines aufgeblasenen Organisationsmonstrums, der im April 2022 begann, sich in vier Etappen vorwärtsmühte unter Einschuss von erheblichen Steuergeldern und bis heute (Januar 2023) nicht zu einem Ende, geschweige einer Entscheidung gekommen ist. Das Gehabe der Losland-Moderatoren – ein Klischee aus Küchenpsychologie und Knuddeltherapie –, schwor die ausgewählten Bürger auf Konfliktlosigeit und positives Denken ein (Selbstdarstellung des Procederes in der Veranstaltung am 26. 09. 2022) und gaben den Zuschauern der Veranstaltung das Gefühl, wie Kinder behandelt zu werden. Die bisherigen Ergebnisse der angeblichen Bürgerbeteiligung muten denn auch so albern an wie umgekehrt der Aufwand zugenommen hatte. Das Votum: Das Tivoli soll erhalten bleiben. Ach nee. Und auch die anderen Vorschläge hätte man einfach mal von den bisherigen Anregungen übernehmen können.

Dass die Ideen von 16 zufällig ausgesuchten Varelern ein repräsentatives Meinungsbild abbilden sollen, grenzt an Kaffeesatzleserei. Wer auch nur mit einem Auge in ein Lehrbuch der Statistik geblinzelt hat, kriegt Schluckauf bei einer solch konzentrierten Form von unbelecktem Dilettantismus.

Peinlich auch die Rolle der Presse: Statt den Bürgern Fakten, Sachzusammenhänge, kritische Recherche und Kommentare anzubieten und über die Hintergründe aufzuklären, wie es sich für einen Journalismus gehört, der diesen Namen verdient, wiederholt sie euphorisch den Lobgesang der Bürgerverlustierung und tut sonst nichts weiter. Weil sie zu feige, unwillig oder unfähig ist?

Das Losland-Projekt sollte Bürgernähe suggerieren, stattdessen wird durch das zähe, sich endlos dahinschleppende Verfahren genau das Gegenteil bewirkt: Politikverdrossenheit. Wer eigentlich in Varel hat überhaupt noch ein Interesse an der Zukunft der Veranstaltungsräume? Tivoli? War da nicht was? Ich selbst hatte mich an der Online-Befragung beteiligt und fühle mich veräppelt: Die regierende Politik schiebt und schiebt und schiebt das Verfahren hin, die Opposition schnarcht sich darüber aus, die Presse schweigt, und es scheint offenkundig, dass das Tivoli gar nicht gewollt ist. Dieses dämliche Losland-Projekt, mag man in den Ratshinterstuben denken, haben wir uns zwar anders vorgestellt, aber es hat seinen Zweck des Aufschiebens und Zerredens und Ermüdens dennoch erfüllt, und die Verantwortung sind wir erstmal los. Jetzt heißt es, den Prozess so lange zu zerkochen, bis unser Wille geschehe.

Vielleicht haben die Losland-Leute noch nicht begriffen, dass sie hier instrumentalisiert wurden. Vielleicht leben auch sie in einer Blase der Wahnvorstellungen bürgernaher Einflussnahmen. Na dann, preiset euch daselbst in Frieden und lasst euch am besten hier nicht mehr sehen.

Moin

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