10. Ein Brataal für das Himmelreich

10. Ein Brataal für das Himmelreich

Monotone Gebete, aus allen vier Ecken der Sankt-Hades-Kapelle hervorwispernd, überdeckt von der kräftigen Damenbass-Stimme der Nonne Eugenie: Die Messe zu Ehren der Großnichte des schamlippigen Fischers Geroldson war im vollen Gang, als die Tür aufgerissen wurde und der Berittmeister der Großnichte hereinstolzierte, den Fanfarenzug der Freiwilligen Feuerwehr im Schlepptau. Furchtsames Erwarten schloss die Münder, und alle Sorgenfalten richteten sich auf den großwesigen Hartwig, denn so lautete sein Name.

»Höret her!«, schrie der Hartwig, und er stampfte mit dem Fuß auf, worauf der erste Trompeter des Fanfarenzuges ebenfalls mit dem Fuß stampfte als Dirigiermaßnahme für seine Musiker, es ihm gleich zu tun als Ehrerbietung und Kotau vor dem Hartwig, dem großklobigen Berittmeister. Kaum ausgeführt stampfte die gesamte Kohorte mit dem Fuß auf – manch Fliese wackelte beängstigend und brach wohl hie und da –, und es ward ein Donnerschall, wie ihn der Fischer Geroldson noch nie gehört hätte haben können, wenn er denn noch unter den Lebenden hätte zu weilen belieben gewesen wäre, doch Schluß mit der Buchstabenzählerei.

Schlag Zwölf. Herrisch mäht Hartwig mit einer einzigen Fuchtelgeste das Geröll des Stiefelstampfgepolters hinweg. Hoffnung. Erwartung. Schweigen. Noch ist das Wort nicht gesprochen, und die Herzen sinken danieder auf die zerbröckelten Fliesen. Aller Augen sind auf den Berittmeister gerichtet. »Ein Brataal!«, schreit der Hartwig zügellos, und er blickt glühend um sich. Da braust ein Sturm der Erleicherung auf und faucht aus allen Mündern.

»Ein Brataal für das Himmelreich!«

Jauchzend skandieren die Gottesanbeter das Gebot des Tages, ausgeführt als Fluch unter Schmerzen. »Ein Brataal für das Himmelreich!« Ein vielstimmiger Chor bildet sich in der Mitte der Kapelle, Zimbeln werden hervorgekramt, eine Tuba in Orkanstärke angeblasen, Trommeln dröhnen, und der Klang des Fluchs, der aus den Töpfen des Teufels entwichen schien, schraubt sich in die Höhe, himmelaufwärts.

Droben schlägt die Großglocke und gebietet Einhalt. Die Menge verstummt. Sie strömt ins Freie. Nur die Nonne Eugenie bleibt und basstönt noch Stunden aus vollen Rohren bzw. mit dem Elan der Jung fräulichkeit.

Sollte der Fluch aber je wahr werden, würde der Fischer mitsamt seiner Großnichte ins Höllenpfuhl einfahren, dort, wo die Leichen am Fischbüfett schmausen.

Nächstes Mal erzähle ich vom Felsenvorsprung, der rückwärts zählen konnte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s