19. Das K-Loch und der Brunner

19. Das K-Loch und der Brunner

Wenn man vom Küstendorf Kaltenhaven aus ins Landesinnere fahren möchte, Richtung Südwest, hat man keine andere Möglichkeit, als den schmalen einspurigen Birkenweg zu benutzen. Er ist nicht ohne Grund als Einbahnstraße ausgewiesen, können sich hier doch keine Fahrzeuge begegnen, ohne in den Graben zu rutschen. Nach zweieinhalb Kilometern teilt sich die Straße. Wer weiterhin ins Landesinnere will, muss links abbiegen, auf die breite zweispurige Landesstraße L 213. Der Birkenweg schlägt hier einen Haken nach rechts und führt zurück nach Kaltenhaven. Aber statt eines Wegweisers ragt hier, an der Verzweigung, eine Stele auf, mächtig wie ein Hünengrabstein. Sie hat die Form eine Flamme und trägt die Inschrift ›Brunner‹.

Ein paar hundert Meter weiter müssen ortsfremde Fahrer plötzlich heftig in die Bremsen steigen, um nicht gegen ein verbeultes Verkehrsschild zu brettern, das sich schief in den Fahrweg neigt: ›Achtung, 90-Grad-Kurve‹. Eine Warnung, die von der eigentlichen Gefahr ablenkt. Denn bevor der Wagen zum Stillstand kommt, hat ihn das ›Konzentrationsloch‹ geschluckt, in Kaltenhaven als ›K-Loch‹ berüchtigt. Wer in das K -Loch gerät, dem schwinden die Sinne, er verliert das Kurzzeitgedächtnis und sagt Kinderreime auf.

Adolf Sandmesser, zweifacher Schützenkönig, gilt als erstes Opfer des K-Lochs. Als er mit seinem Trecker endlich wieder aus dem Kurvenabschnitt hinaustuckerte, hatte er zwischendurch, wie er behauptete, seinen Vater beerdigt, eine Million im Lotto gewonnen und den Film »Einer geht zur Kuckucksuhr« gesehen. Auf die Frage, warum es so lange gedauert hatte, antwortete er: »Der Brunner brennt.«

Der Brunner, das war ein Ketzer hier im mittelalterlichen Kaltenhaven, der verkündete die Geburt eines lauten Knalls, und aus dem Knall würden 12 Ziegen springen, eine dünner als die andere und die letzte sogar unsichtbar, und diese Ziege würde wie ein schwarzes Loch alle Sinne in sich verschlingen.

Dem Brunner soll es damals nicht gut ergangen sein.

Die Vorfälle mit dem K-Loch häuften sich. Charlotte Gruber, die Standesbeamte von Kaltenhaven, verschlug es nach einer illegalen Trauung (die inzüchtige Hofer, Jette, hatte ihrem Schwager das Ja-Wort aus dem Mund gerissen) in die berüchtigte Kurve, und als sie aus dem Straßengraben gezogen wurde, wiederholte sie ständig: »Der Brunner brennt.« Ihr Wortschatz war auf diese drei Worte zusammengeschrumpft. Seitdem wird das Standesamt Kaltenhaven als Geheimtipp für Blitztrauungen gehandelt.

Touristen, die in der einödlichen Tiefebene nach Naturwundern suchen, werden gewarnt, aber wie Touristen so sind, lockt sie die Gefahr und das Unerklärliche, und oft genug muss die Bürgerwehr halbnackte Verwirrte aus dem K-Loch-Graben bergen. »Der Brunner brennt«, stammeln sie ein über das andere Mal, aber wem sagen sie das.

Inzwischen dürfte klar geworden sein, warum die Kaltenhavener die Flammen-Stele an der Kreuzung aufgestellt haben. Pastor Eckerle bringt es auf den Punkt. Das Dorf sei geeint in einem Wissen um »mehr als das Doppelte«. Jeden Sonntag nach der Messe sammeln sich die Kaltenhavener und pilgern zum K-Loch. Sie starren in den Himmel und warten auf den Knall.

Nächstes Mal erzähle ich von einer Blutrache im Zahnarztmilieu.

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