32. Die Titteleier und das Nirvana

32. Die Titteleier und das Nirvana

Ein heißdiskutiertes Thema in der kleinen Küstenstadt waren die selbstgedrehten Pillen des Apothekers Tittelbaum. Die einen schworen auf die Wirkung der ovalförmigen Kügelchen, auch Tittelbaum-Eier genannt, kurz Titteleier. »Mir haben sie die Lebensfreude zurückgebracht«, schwärmte Andrea, die Frau des Bademeisters Schlotterbeck. »Allerdings musst du höllisch aufpassen«, warnte sie ihre Nachbarin Karla Kropp, »eine Pille zuviel, und du endest im Nirvana.« Dabei verdrehte sie die Augen, um die Schlagkraft ihrer Worte mit der Andeutung eines Geheimwissen zu untermauern. Und um den Neid von Karla Kropp anzufachen.

»Mit Nirvana kann ich nichts anfangen«, erwiderte Karla parfümiert, »mich deucht, der Tittelbaum hat einen Griff in seine Opiumschatulle getan und die Kügelchen daraus geformt. Kein Wunder, dass das sogenannte Nirvana aufkreuzt und die Konsumenten dummdösig macht.«

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite trat gerade die Physiotherapeutin Sonja Heidenreich aus ihrem Haus, an der Leine ihr Retriever Rasmus. Die Heidenreich wird mehr Geisteskraft aufbringen, dachte Andrea beleidigt und setzte sich in Bewegung. Die im Gesundheitswesen Tätige würde verstehen, was es bedeutet, sich zu verlieren im ›Strauß der widerstreitenden Gemengelagen‹, eine Metapher, die Bürgermeister Christian Woltersleben herausrutschte, als er im Matsch einer Kuhweide strauchelte, seinerzeit, das Erntedankfest fand noch auf der ›Krume der Geerdeten‹ statt, noch so ein Woltersleben-Spruch, der vielfältigen Beifall hervorlockte.

Auch Hartwig Grenzer, Steinmetz in der dritten Generation, fand Worte der Wärme und Entrücktheit, wenn er über die Titteleier redete. »Eine davon genommen, und du fühlst dich wie von Watte umhüllt. Die zweite Pille fügt eine Schwerelosigkeit hinzu, eine irgendwie taube Gelassenheit. Nach der dritten Pille spürst du einen unwiderstehlichen Sog nach oben, hinein in den Lichtkegel des Firmamentes. Dort angekommen umgibt dich das Rauschen der Unendlichkeit und des unablässigen Wasserfalls. Die vierte Pille bringt dich an die Grenzen deiner Erfahrungen: Tierkadaver reiten auf Wölkchen, die Jungfrauen des Propheten schwirren über allem, zehnfüßige Schalenfresser sirren verheißungsvolle Weisen, und zwischen den Pfahlbauten weißgekeideter Seelenfischer graben meine Urgroßeltern im Sand nach Tennissocken, Kohlrouladen und Testamentseröffnungen.«

Aufgerüttelt von den wahnhaften Berichten formierte sich bald eine Protestfraktion, angeführt von Studiendirektor Flemming vom Klopstock-Gymnasium. Dem Rückfall ins Irrationale und in das dunkle Loch des Mittelalters müsse Einhalt geboten werden, schrieb er in einem Leserbrief an den Kaltenhavener Boten. Zusammen mit Pastor Eckerle und dem Heimatdichter Gregor Fuseler als Schriftführer gründete er den Bürgerverein ›Die Kaltenhavener Tittelwächter‹. Die Titteleier seien nichts anders als Verblendungsgranaten, wüteten sie, mit denen der Apotheker Tittelbaum seine Sekte der ›Tittelaner Hennen‹ in diabolische Abhängigkeit zu fesseln trachtete, eine geheimbündnerische Untergrundarmee mit dem Ziel der Wiedereinführung von Kräuterhexen und der Runenschrift. Jeden Freitag zog das Grüpplein der Tittelwächter zum Marktplatz, nahm schweigend Stellung auf, hielt Pappen und Schilder mit Antitittelparolen in die Luft und war für Fragen der Vorbeikommenden nicht zu haben. Denn wer Fragen stellt, davon waren sie überzeugt, hat Titteleier geschluckt und sich flugs in willige Opfer des teuflischen Apothekers verwandelt.

Gut, der Antititteltrupp wurde belacht. Nicht allein belacht. Nein, viele Bürger des Küstenortes stürmten die Nelken-Apotheke, verlangten Titteleier im Dutzend, aber subito, um sie noch vor dem Hinausgehen einzuwerfen. Touristen, vom geschäftigen Treiben an der Apotheke neugierig geworden, wunderten sich über die ›nirvanese Stimmung‹, die die Menschen hier auf dem Vorplatz zur Nelkenapotheke überfiel, und wenn sie fragten, was es mit dieser ›nirvanesen Stimmung‹ auf sich habe, wurden sie an Frau Andrea Schlotterbeck verwiesen, Goethestraße 16a.

Nach ein paar Wochen lösten sich die Freitagsdemonstranten wie durch eine Wunder wieder auf. Bei der wöchentlichen Skat- und Intrigenrunde der Honoratioren nahm auch der vorher geschasste Apotheker wieder seinen Platz ein, so als wäre nichts geschehen. Im Gegenteil, er wurde mit geradezu devoter Freundlichkeit überschüttet, und bei der Endrunde im Goldenen Frosch ließ man es sich nicht nehmen, ihm ein Spezialgedeck Diabolo zu spendieren, einen Liter Maibock plus zwei Fuseler Darmbrandbeschleuniger, dem selbstgebrannten Teufelszeug des Heimatdichters. Es ging das Gerücht um, der Tittelbaum habe Titteleier in einem Sud aufgelöst, hochprozentigen Alkohol dazugegeben, das grünliche Zeug in Flaschen gefüllt und diese inkognito unter dem Namen ›Kaltenhavener Antititteltrunk‹ in den Verkehr gebracht. Den Rest kann man sich denken.

Nächstes Mal erzähle ich vom Haus am Anger.

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