Die NWZ tötet Journalismus

Beispiel Friesische Wehde. Genauer gesagt, Friesländer Bote, Anzeigenzeitung für den Raum Varel, der Friesischen Wehde und angrenzender Orte im Ammerland und der Wesermarsch. Ursprünglich ein politisch und wirtschaftlich unabhängiges Presseorgan, das von der NWZ (Selbstbeschreibung: Nordwest Mediengruppe) abgeschossen und ausgenommen wurde.

Natürlich haben die Damen und Herren aus Oldenburg nicht Kanonen mit pressefressenden Kartuschen geladen und abgefeuert. Sie sind auch nicht wie Raubritter übers Land gezogen und haben die freie Berichterstattung überfallen und ausgeplündert. Sie haben nur stumpf und ethikfern die Regeln des Kapitalismus befolgt: Konkurrenten mürbe machen, verdrängen, aufkaufen und dann die Beute schrumpfen lassen unter dem Deckmantel ›Synergieeffekte‹ und Scheiß auf unabhängige Berichterstattung, Wettbewerb, Meinungsdiversität, Diskurs. So geschehen im Nordwesten, so geschehen auch mit dem Vareler »Friebo«, dem vormals »anderen« Anzeigenblatt, welches seitdem schreiben darf, was die Brotkrümelspender aus Oldenburg so an Freiraum zu füttern belieben.

Angefangen hatte der Friebo 1981 als Monatsblatt, ging später 14-tägig in die Haushalte und erscheint seit 2003 wöchentlich. Die Gründerin Brigitte Meyer-Radicke gab Raum für eigene Meinungen zu den Tages- und Politikgeschehen, gab Kommentatoren die Gelegenheit, abseits des von der NWZ verbreiteten Einheitsjournalismus auch eine andere Sicht der Dinge darzustellen. Der Friebo unterschied sich vom hiesigen Regionalblättle der NWZ, dem »Gemeinnützigen«, durch eingehende Berichterstattung, durch kritische Beiträge, Glossen und Kolumnen, die nicht selten zu Kontroversen in der Leserschaft und in der Politik führten, sogar zu Strafanzeigen. Als Themenschwerpunkte lassen sich schon damals Feminismus und Ökologie ausmachen. Der Friebo hatte Profil. Die Zeitung war, obwohl ›nur‹ ein Anzeigenblatt, Presse im besten Sinn.

Diese Konkurrenz hatte die NWZ nie verknusen können, schon gar nicht den entgangenen Profit aus Anzeigen und Werbebroschüren. Schließlich, vor vielen Jahren, siegte die Gier, und die NWZ schluckte den Friebo, musste dann aber, weil die Sache zu sehr nach Monopol und Machtmissbrauch stank, das Blatt wieder in die Unabhängigkeit abgeben.

Nach dem Tod von Brigitte Meyer-Radicke wurde es etwas ruhiger um den Friebo. Das Blatt kam in die Hände von Robert Allmers, der die Redaktion einigermaßen in Ruhe ließ, in Ruhe arbeiten ließ. Was nicht verhindern konnte, dass eine der engagiertesten Redakteurinnen, Anke Kück, das Haus wegen ihres politischen Engagements verließ. Ersatz wurde nicht bestellt.

Dann der Knall: 2022 übernahm die NWZ das Blatt. Die Monopolstellung der NWZ in der Region war damit zementiert. Von den Schnarchnasen der Kartellbehörde war nichts zu vernehmen, ein Unding. War Korruption im Spiel? Vorteilnahme? Kungelei?

Zum gleichen Zeitpunkt kündigte Chefredakteur Michael Tietz.

Er wurde bis heute nicht ersetzt.

Eine weitere Mitarbeiterin, Ina Varrelmann, ging in den Ruhestand.

Sie wurde nicht ersetzt.

Der Rest der Redaktion kann praktisch keine ordentliche Arbeit mehr leisten. Das ist wohl so gewollt.

Angeordnet wurde auch die Zusammenarbeit der beiden Redaktionen: die des Gemeinnützigen mit der des Friebo. In den politischen Sitzungen sitzt jetzt nur noch ein Redakteur. Seine Berichterstattung erscheint in beiden Zeitungen. Eine zweite Meinung wie zuvor gibt es nicht mehr. Manchmal unterscheiden sich die Berichte sogar: Im Gegensatz zum Friebo wird im Gemeinnützigen der Text zusammengekürzt (in einigen Fällen verstümmelt bis zur Unsinnigkeit). Während in der Vor-NWZ-Zeit der Friebomann Michael Tietz ausführliche, kenntnisreiche und klarsichtige Texte lieferte (im Gegensatz zum schnellen und kurzen Infobrei auf der Gegenseite), darf der Leser jetzt die Artikel doppelt lesen. Da der Friebo nur zum Wochenende erscheint, sind viele der Artikel bereits aus dem Gemeinnützigen bekannt.

So vergrault ›man‹ die Leser des Friebo, und mit ›man‹ meine ich die NWZ. Die Sache hat System: Das einstige engagierte Anzeigenblatt, in dem auch andere Meinungen zu Wort kamen, wird peu á peu zu einem unattraktiven Papier verwandelt, das lediglich als Umschlag für die Massen an Beilagen dient. Dass diese Taktik durchsichtig wie auch perfide ist, stört die Macher in Oldenburg eh nicht mehr. Und Journalismus geht denen, wie wir Vareler es hier erleben müssen, so sehr am Arsch vorbei, dass noch nicht mal ein laues Lüftchen die hohen Nasen der NWZler belästigt.

Kann ich jetzt wirklich sagen: Die NWZ tötet Journalismus? Und ich sage nicht: den Journalismus insgesamt. Aber wenn Journalismus mit den Begriffen Meinungsvielfalt, Engagement, kritische Beobachtung und unabhängige Berichterstattung verbunden wird, dann kann man die Machenschaften und das Geschäftsmodell der NWZ für unsere Region nicht anders benennen: Die NWZ tötet Journalismus.

Moin

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